Italienischer Überflieger gewinnt beim stärksten Turnier der Schach-Geschichte sieben Partien in Folge

Vachier-Lagrave – Caruana: Schwarz öffnet behutsam die Stellung – und bläst sogleich zum Angriff!

Von Hartmut Metz
Das war deprimierend“, scherzte Weltmeister Magnus Carlsen nach dem Sinquefield Cup in St. Louis. Der Norweger hatte zwar nach zehn Runden mit 5,5 Punkten einen akzeptablen zweiten Platz beim stärksten Schachturnier aller Zeiten belegt – doch den 23-Jährigen trennten Welten vom Sieger. Drehten sich in den letzten Jahren die Schlagzeilen meist um den Aufsteiger aus dem hohen Norden, ist plötzlich ein Großmeister aus dem tiefen Süden Europas in aller Munde: Fabiano Caruana. Der in Miami geborene Italiener deklassierte nicht nur die Konkurrenz. Der 22-Jährige hielt die Schach-Fans Runde für Runde mehr in Atem! Nach drei, nach vier, nach fünf und auch nach sechs Siegen dachte jeder, seine Siegesserie müsse endlich brechen – doch Caruana baute sie gegen die fünf Rivalen, die durchweg in den Top Ten stehen, auf sieben Erfolge hintereinander aus! Das gab es noch nie in solch einem erlesenen Feld. Und selbst in Durchgang acht hatte der Weltranglistendritte gegen den Branchenführer Carlsen erneut Siegchancen.
Gleiches galt für das Duell mit dem Amerikaner Hikaru Nakamura. Beide Partien verdarb der Italiener ins Remis. Nur die Punkteteilung zum Schluss mit dem Armenier Lewon Aronjan verlief unspektakulär und ohne Gewinnchancen des Überfliegers. Mit 8,5:1,5 Punkten gelang Caruana eines der besten Resultate der Schach-Geschichte.
Aronjan büßt so in der nächsten Weltrangliste im Oktober Platz zwei – wie eine Rakete schoss Caruana vorbei und rückt mit 2 836 Elo-Punkten Carlsen bis auf 27 Elo auf die Pelle. Plötzlich ist doch ein Spieler in Sichtweite des als nahezu unangreifbar wirkenden Norwegers. Aronjan rutschte auf 2 793 Elo ab – ein gewaltiger Abstand zu den beiden Führenden.
Nahe rückte ihm auch Wesselin Topalow. Der Bulgare überzeugte am meisten hinter dem Gewinner der 100 000 Dollar und kassierte mit fünf Punkten halb so viel Preisgeld. In der zweiten Hälfte des Tableaus folgen der Franzose Maxime Vachier-Lagrave und Aronjan (beide 4) und der enttäuschende Lokalmatador Nakamura (3).
Mit der nachstehenden siebten Gewinnpartie endete Caruanas Siegesserie. Der letzte volle Erfolg des Italieners gegen den Franzosen Maxime Vachier-Lagrave bescherte den Fans eine hübsche Königshatz über das gesamte Brett.

W: Vachier-Lagrave S: Caruana
1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Le7 4.Lf4 Sf6 5.e3 0–0 6.Tc1 Sbd7 7.c5
Eine fürs heutige Spitzenschach ungewöhnlich frühe Neuerung! Die Rechner schlagen zwar mehrere andere Züge als minimal bessere Alternativen vor, der Bauernvorstoß hält die Partie aber in der Waage und ist somit gut genug, um den Gegner zu überraschen. Se4 8.Ld3 f5 Computer bevorzugen Sxc3 9.Txc3 e5 10.Lxe5 Sxe5 11.dxe5 b6 12.Sf3 bxc5. 9.Sf3 c6 10.Se5 Sxe5 11.Lxe5 Lf6 12.Lxf6 Dxf6 13.Se2 e5 14.Da4?! Die erste Ungenauigkeit. 14.0–0 ist der stärkste Zug. Dh4 Unerwartet wie überzeugend wirkt Dg6! 15.0–0?! (15.Lxe4 fxe4 16.0–0 Lg4 17.Dc2 geht noch für Weiß, auch wenn der Gegner bereits etwas besser steht) f4! 16.exf4! (16.Db3 f3 17.Sg3 Lf5! 18.Tfd1 – nur nicht 18.Dxb7?? fxg2 19.Tfe1 Sxg3) exf4, weil nun auf den vermeintlichen Figurenverlust durch 17.f3? Sxc5! folgt. 18.dxc5 Dxd3 19.Tfe1 (19.Sxf4?? De3+ 20.Kh1 Dxf4) De3+ 20.Kf1 Ld7 21.Db4 b6. 15.g3? Macht sich unnötig Löcher auf f3, g2 und h3. 15.0–0 sollte die Entwicklung abschließen. Dg4 16.Tf1? 16.Dd1 exd4 17.exd4 Sg5 18.f4 Se4 19.Sg1 Dxd1+ 20.Txd1 Te8 21.Se2 gönnt dem Nachziehenden keinen sonderlichen Vorteil. Sg5! 17.Kd2? Ein Fehler. Allerdings entpuppt sich 17.Sg1 f4 18.dxe5 fxg3 19.Dxg4 gxf2+ 20.Txf2 Lxg4 21.Tg2 Sf3+ 22.Sxf3 Lxf3 23.Tf2 Tae8 auch nicht als erstrebenswert. Sf3+ 18.Kc3 Sxh2 19.Th1 Sf3 20.Da5 Dg5 21.dxe5 De7 22.Sd4 Sxe5 23.b3? 23.Kd2 Sg4 24.Ke2 verteidigt sich zäher.

b6! Öffnet die Stellung und ermöglicht es, weitere Kräfte in die Attacke zu werfen. Weiß ist verloren. 24.cxb6 c5 25.Sb5 Lb7 26.bxa7 d4+! 27.exd4 Sxd3 cxd4+ wickelt noch konsequenter ab. 28.Kd2 Lxh1 29.Tc7 (29.Txh1 Sxd3 30.Kxd3 De4+ 31.Kd2 Dxh1) Df6 30.Db4 Dh6+ 31.Kc2 Dc1+!! 32.Kxc1 Sxd3+ 33.Kd2 Sxb4. 28.Kxd3 Lxh1 29.Txc5 29.Txh1 erlaubt wieder De4+ 30.Kd2 Dxh1. De4+ 30.Kc4 30.Kd2 Df3. De2+ 31.Kb4 Dd2+ 32.Tc3 Lc6 33.a4 Lxb5 34.Kxb5 Dxd4 Txa7 35.Dxa7 Dxc3 gewinnt ebenso. 35.Tc7

Tfd8?! Tfb8+! ist der stärkste Zug – aber der Mensch will nicht riskieren, dass er sich verrechnet und plötzlich ohne Mehrturm dasteht. 36.axb8D+ Txb8+ 37.Kc6 Df6+ 38.Kd5 Td8+ 39.Kc4 De6+ 40.Kb4 De1+ 41.Tc3 Td4+ 42.Kb5 Td5+ 43.Tc5 Txc5+ 44.Kxc5 Dxa5+. 36.Db6 Td5+ 37.Ka6 37.Tc5 Txc5+ gewinnt auch: 38.Dxc5 Dxc5+ 39.Kxc5 Txa7 40.Kb6 Ta8 41.Kb7 Td8 42.a5 Td4 43.a6 Tb4+ 44.Kc7 Txb3 45.a7 Ta3 46.Kb7 g5 47.a8D+ Txa8 48.Kxa8 h5 49.Kb7 h4. Td6 38.a5 Dd3+ 39.Kb7 Dd5+ 0:1. Vachier-Lagrave gab die hoffnungslose Stellung auf. Der Schluss hätte sich in etwa so gestalten können: 40.Ka6 Txb6+ 41.axb6 Dxb3 42.b7 (42.Tc5 Dd3+ 43.Kb7 De4+ 44.Tc6 Kf7 45.Kxa8 Dxc6+ 46.b7 Dd5 47.f4 h5 48.g4 hxg4 49.Kb8 Dd8 matt) Da4+ 43.Kb6 Dxa7+ 44.Kc6 Da4+ 45.Kd6 Td8+ 46.Kc5 Dd4+ 47.Kb5 Td5+ 48.Ka6 Da1+ 49.Kb6 Da5+ 50.Kc6 Db5 matt.

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