Langlebiger Denksportler: Mieses 60 Jahre in der Turnierarena

Schlechter – Mieses: Weiß droht Damenfang – was nun?

Von Hartmut Metz
Jacques Mieses hat zwar nur zwei bedeutende Turniersiege 1907 in Wien und 1923 in Liverpool errungen – dennoch zählt der vor 150 Jahren geborene Leipziger zu den besonderen Schach-Großmeistern. Einerseits trug er als Publizist zur Verbreitung des königlichen Spiels in ganz Europa bei (Fortsetzung der Schachspalte aus der Vorwoche). Andererseits hatte kein Ass eine solch lange Karriere wie Mieses: Ein halbes Jahrhundert nach der Premiere beim legendären Turnier 1895 im englischen Seebad Hastings war der 80-Jährige zum Jahreswechsel 1945/46 einmal mehr zur Stelle. 60 Jahre lang mischte der Jude in der Turnierarena mit – länger als jeder andere Großmeister. Am 24. Februar 1954, drei Tage vor seinem 89. Geburtstag, starb Mieses als britischer Staatsbürger. 16 Jahre zuvor hatten ihm Freunde in Berlin zur Flucht vor den Nazis verholfen. In London wusste er auch trotz seines hohen Alters mit seiner Domäne selbst Schach-Laien zu begeistern:
Seine Blindspiel-Simultanvorstellungen beeindruckten die Massen und bescherten Mieses höhere Einnahmen als Profi-Kollegen, die nicht nur wie er knapp in die Top Ten gelangten und sich überdies länger weit vorne an der Spitze hielten.
Der Journalist wusste die Duelle ohne Ansicht der Bretter immer gut zu vermarkten. So verfolgten die Schaulustigen etwa 1909 im dicht gedrängten Stuttgarter Königsbau sein Match über drei Partien gegen Carl Schlechter. Der Österreicher war ein würdiger Blindspiel-Gegner. 1910 verpasste er es nämlich nur hauchdünn, Emanuel Lasker den WM-Titel zu entreißen. Der Deutsche glich erst in der letzten WM-Partie zum 5:5 aus. Blindspiel-Ass Mieses schlug Schlechter mit 2,5:0,5.

W: Schlechter S: Mieses
1.e4 d5 2.exd5 Dxd5
Skandinavisch widmete Mieses zahlreiche theoretische Abhandlungen. 3.d4 3.Sc3 Da5 4.b4!? führt zum Mieses-Gambit, das nach dem Skandinavisch-Pionier benannt ist. Sf6 4.Sc3 Da5 5.Sf3 Sc6 6.Ld2 Lg4 7.Sb5 Db6 8.a4 8.c4! verspricht Weiß sehr gute Aussichten: Lxf3 9.Dxf3 Sxd4 10.Sxd4 Dxd4 11.Dxb7 De4+ 12.Dxe4 Sxe4 13.Le3 e6 14.Ld3 Sc5 15.Lc2. Lxf3 9.Dxf3 a6! Die Pointe des schwarzen Spiels. 10.a5? Schlechter fällt auf die Falle herein.

10.d5 Se5 11.Df5 axb5 12.Dxe5 (12.Lxb5+ Sed7) Txa4 13.Txa4 bxa4 14.Le2 und die Stellung befindet sich im dynamischen Gleichgewicht. axb5!! 11.axb6 Txa1+ 12.Lc1? Ein Reflex, um der Springergabel zu entrinnen. Jedoch hält 12.Ke2!! Weiß im Spiel: Sxd4+ 13.Ke3 Sxf3 14.Lxb5+! c6! (Kd8 führt an den Rand des Verlusts: 15.Txa1 Sd5+ 16.Kxf3 Sxb6 17.c4 c6 18.La5 Kc7 19.c5 cxb5 20.cxb6+ Kd6 21.Td1+ Ke6 22.Td8 g6 23.Lc3 f6 24.Tb8 Lg7 25.Txb7± und der b6–Bauer ist gefährlich) 15.Lxc6+ bxc6 16.b7 Ta3+! (Txh1 17.b8D+ Kd7 18.Db7+ Kd6 19.Db8+ Ke6 20.Dc8+ Weiß gibt ein Dauerschach) 17.bxa3 Sd7 18.Kxf3 e5 19.a4 Ld6 20.a5 Sc5 21.Ta1 Kd7 (Sxb7? 22.a6 und der Springer darf nicht wegen a7 und Durchmarsch zur Dame wegziehen) 22.a6 Kc7 23.La5+ (23.Le3 Kb8 24.Td1 Le7 25.Lxc5 Lxc5 26.Td7 Tf8 27.c3 h5 28.g3 g6 29.Ke4 f6 Schwarz bekommt danach die Stellung allmählich unter Kontrolle) Kb8 24.Lb4 Ka7 und die Bauern sind gestoppt. Txc1+ 13.Kd2 Txc2+! Der nächste taktische Schlag, der durch die Springergabel auf d4 ermöglicht wird. 14.Kd1 14.Kxc2 Sxd4+ 15.Kc1 Sxf3 16.Lxb5+ c6 17.Lxc6+ bxc6 18.b7 Sd7 19.Td1 Sfe5 20.f4 g6 21.fxe5 Lh6+ 22.Kc2 e6 und 23.Txd7 bringt nichts mehr, weil nach Kxd7 der Turm b8 unter Kontrolle hält. Txb2?! Im Blindspiel sind die anderen Varianten noch schwieriger zu berechnen. cxb6 ist etwas besser: 15.Da3 Sxd4 16.Da8+ Kd7 17.Dxb7+ Tc7 18.Dxb6 e5 19.Lxb5+ Sxb5 20.Dxb5+ Ke6 21.Db8 Td7+ 22.Kc1 mit schwarzer Gewinnstellung. Am stärksten wirkt 14…e6 15.Lxb5 Kd8! 16.d5 Txb2! (Sxd5 17.bxc7+ Sxc7 18.Dd3+ Kc8 19.Dxc2 Sxb5. Kompliziert ist ebenso 16…Se5 17.Db3 Tc5 18.dxe6 fxe6 19.f4 Sc6 20.bxc7+ Kxc7 21.Lxc6 Txc6 22.Te1 Sd5 23.f5 Ld6 24.Txe6 Tc5). 15.Da3? 15.Kc1 ist trickreicher. Tb4 16.d5 Sa5 17.bxc7 Kd7 18.Dc3 Tc4! 19.Lxc4 Sxc4 20.Db4 Sd6 21.Dc5 Kc8 und die drei Figuren sollten sich gegen die Dame durchsetzen. Tb1+ 16.Kc2 Txf1 Vereinfacht. Tb4 17.Da8+ Kd7 18.Dxb7 Sd5 19.bxc7 Sxd4+ 20.Kd2 Sxc7 ist etwas präziser. 17.Da8+ Kd7 18.Txf1 18.Dxb7 Sxd4+ 19.Kb2 Txf2+ 20.Kb1 Tc2 21.Td1 e5 22.Txd4+ exd4 23.Kxc2 Ld6 24.bxc7 Tc8 25.Dxb5+ Ke7 lässt Weiß keine Chance. Sd5 19.Dxb7 Sxb6 20.Kb1 e6 21.Tc1 Sc4 22.Da8 22.Dxb5?? Sa3+ 23.Ka2 Sxb5. g6 23.d5 exd5 24.Td1 d4 25.Txd4+ Weiß will im Trüben fischen. Sxd4 26.Dd5+ Ld6 27.Dxd4 Te8 28.Dd5 c6 29.Dxf7+ Te7 30.Dg8 Te1+ 31.Kc2 Te2+ 32.Kd3 Txf2 33.Dxh7+ Kc8 34.Kc3 Le5+ 35.Kd3 Td2+ 36.Ke4 Td4+ 37.Kf3 b4 38.Ke2 Td2+ 39.Kf1 Andere Königszüge ändern nicht das Endergebnis. b3 Se3+ 40.Ke1 Lc3 41.Dh3+ Kb7 42.Dxe3 Td3+ 43.Ke2 Txe3+ 44.Kxe3 b3 ebnet den Weg zum Sieg einfacher. 40.Dg8+ Kc7 41.Df7+ Td7 42.Dxc4 b2 43.Db3 Td5 44.Dc2 Tc5! 0:1. Der b-Bauer marschiert nun sicher durch, weshalb Schlechter aufgab. 45.Dxg6 Tc1+ 46.Kf2 b1D.

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