Schach-Weltmeister verliert seine schlafwandlerische Sicherheit

Carlsen – Nakamura: Schwarz erzwingt baldiges Remis

Von Hartmut Metz
Anish Giri hat den Respekt verloren. „Magnus Carlsen spielt zwar hier besser als in Stavanger – aber er ist nicht mehr der, der er vorher war“, meint der 21-jährige Niederländer mit Blick auf den Schach-Weltmeister. Belegte der Norweger in den letzten Jahren bei jedem Turnier einen der beiden Topplätze, landete Carlsen ausgerechnet beim Heimspiel in Stavanger abge- schlagen und teilte nur mühsam beim Sinquefield-Cup in St. Louis (USA) Platz zwei hinter dem mit einem Punkt Vorsprung siegenden Armenier Lewon Aronjan. Hatten die Gegner bis dahin Respekt vor dem souveränen Weltranglistenersten, weil er selbst minimalste Vorteile verwertete, wich die Furcht zuletzt. Vor allem Carlsens Partie gegen Hikaru Nakamura vertrieb die Angst vor dem 24-Jährigen. Der amerikanische Weltranglistenzweite wollte schon aufgeben – doch sein Kontrahent verdarb ein Endspiel, das er vor Monaten noch im Schlaf gewonnen hätte. „Etwas Unglaubliches passiert gerade“, befand Yasser Seirawan,
ehemaliger Top-20-Großmeister und Web-Chefkommentator in St. Louis und schob nach, „Magnus ist leider momentan nicht in Form.“ Nervös und genervt fuhr sich der sonst so stoische Champion durchs Haar, als er merkte, was er angerichtet hatte. „Ich kann es nicht verstehen, dass er so eine Stellung vergeigt. Carlsen ist nervös. Er wollte zu schnell gewinnen und ging zu übereilt vor“, tadelte Ex-Weltmeister Garri Kasparow seinen einstigen Schützling, sprach ihm aber auch Mut zu, „Carlsen ist ein großes Schachtalent, ist jung und kann sich wieder schnell erholen.“ Zudem hatte der Russe mit kroatischem Pass ein Lob für Nakamura parat: „Hikaru warf nicht das Handtuch und verteidigte sich findig.“ Nachstehend die zunächst einseitige Partie mit der unerwarteten Rettung.

W: Carlsen S: Nakamura
1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Le7 4.Lf4 Sf6 5.e3 0–0 6.a3 c5
b6 findet Kasparow besser. 7.dxc5 Lxc5 8.Sf3 Sc6 9.Dc2 Da5 10.Td1 Le7 11.Le2 Se4?! Nakamura folgt dem Computer, dem diese Fortsetzung am meisten zusagt. Kasparow und sein Kurzzeit-Schützling Carlsen vertrauten hingegen auf dxc4 12.Lxc4 Sh5 13.0–0 Sxf4 14.exf4. Die Stellung gewann zwar Wladimir Kramnik anno 2009 gegen Carlsen, aber das russisch-norwegische Gespann hielt die Stellung dennoch für „spielbar“. 12.cxd5 Sxc3 13.Dxc3 Dxc3+ 14.bxc3 exd5 15.Txd5 Lxa3 16.Sd4 Auch hier findet das Elektronenhirn nichts Schlimmes an der schwarzen Stellung und vermeldet völligen Ausgleich – Kasparow weiß als Schach-Genie jedoch, dass der Nachziehende nun einige Probleme zu lösen hat. Großmeister Alejandro Ramirez verweist bei seiner Analyse auf der Webseite von Chessbase auf das Duell von 2009 zwischen Ivan Sokolov und Georg Meier. „Schwarz steht nicht auf verlorenem Posten – aber es ist kein Spaß, das zu spielen, vor allem nicht gegen Carlsen“, meint der Großmeister. Sxd4 17.exd4 b6 18.Kd2 Le6 Lb7? 19.Td7 Lxg2 20.Ta1 Lb2 21.Ta2 fängt überraschend den anderen Läufer! 19.Tb5± Langsam erkennt auch der Computer, dass Schwarz nicht sonderlich gut steht. Ld7 20.Tb3 Le7 21.Lf3 La4 22.Tb2 Tad8 23.Ta1 b5 24.Lc6 a6 25.Lb7 Ld6 26.Le3 a5 27.Lc6 Tb8 28.d5 Tfd8 29.Kd3 Carlsen lässt sich Zeit und verstärkt den Druck. 29.La7 gewinnt bereits. Doch Carlsen hat keine Eile. Nakamura gab später zu, dass er zwischenzeitlich schon an die Aufgabe dachte – was etwas heißen will bei einem Kämpfer wie dem Amerikaner! Tbc8 30.Lb6 Lf4+ (Lc7 31.Lxc7 Txc7 32.Ke3 f5 33.c4 entwurzelt den im Abseits stehenden Läufer. Te7+ 34.Kf3 Te4 35.cxb5+–) 31.Kd3 Td6 32.Ke4 Lg5 (Lxh2 verliert den Läufer: 33.g3 h5 34.Kf3 h4 35.Kg2 hxg3 36.fxg3) 33.Lxa5 g6 34.Lxb5 und Schwarz steht aufgabereif. Lf8 30.Ld4 f6 31.Ke4 Kasparow schlug 31.g4 vor, um jeglichen Bauernvorstoß des Nachziehenden zu unterbinden. Ein äußerst nützlicher Zug, wie sich bald zeigt! Ld6?! Tdc8 ist etwas stärker, aber reicht natürlich auch nicht in der verzweifelten Lage. 32.c4 Lb4 33.La7?! 33.g4! torpediert erneut den schwarzen Konter, der nun folgt. f5+! 34.Kf3?! Nichts spricht gegen 34.Kxf5 Lc3 (Tbc8 35.Ke4 Lc3 36.Txa4! bxa4 37.Tc2 Lb4 38.Lxa4 und die Freibauern im Zentrum entscheiden) 35.Txa4 Lxb2 36.Txa5 Tf8+ 37.Ke4 bxc4 38.Lxb8 Txb8 39.d6 c3 40.Kd3 Kf7 41.d7. Tbc8! Trickreich gespielt. 35.cxb5 Lxb5! 36.Lxb5 Lc3 37.Tab1 37.Tba2 Lxa1 38.Txa1 Txd5 39.Txa5 Kf8 40.Lb6 Tb8 41.Lc4 Txa5 42.Lxa5 führt zu einem ähnlichen Endspiel wie in der Partie. Lxb2 38.Txb2 Txd5 39.Le3?? Der dickste Schnitzer in diesem Duell. Carlsen zog an dieser Stelle a tempo. 39.La4! behält den Turm auf dem Brett, was die Verteidigung für Schwarz deutlich erschwert. Kasparow befand als Kommentator, dass Weiß mit Turm und zwei Läufern gegen zwei Türme sehr gute Gewinnchancen hat. Tb8! 40.Lc4 Carlsen bleibt nichts anderes. Txb2 41.Lxd5+ Kh8 Nun geht nicht mehr viel, selbst wenn der a-Bauer fällt. 42.Ld4 Tb1 43.Ke2 a4 44.g3 a3 45.Kd2 h5 46.h4 Kh7 47.Lc4 g6 48.Kc2 Te1 49.Le3 f4! Tauscht noch einen wichtigen Bauern. 50.Lxf4 a2 51.Lxa2 Te2+ 52.Kb3 Txf2 53.Lb1 Te2 54.Kc4 Kg7 55.Kd5 Te1 56.Lc2 Te2 57.Ld3 Te1 58.Le4 Td1+ 59.Ke5 Te1 60.Ld2 Te2 61.Lc3 Kh6 62.Lb4 Tf2 63.Lc5 Tf1 64.Lb4 Tf2 65.Le7 Tf1 66.Lf6 Tg1 67.Lg5+ Kg7 68.Lf4 Te1 69.Kd5 Weiß hat nichts erreicht. Das Läuferpaar ist normalerweise viel stärker als zwei Springer – in dem Fall jedoch gegen einen Turm viel schwächer. Mit zwei Springern könnte die überlegene Partie mit beiden Figuren auf einen Schwachpunkt drücken. Den Läufern gelingt dies jedoch nicht. Td1+ 70.Ke6 Te1 71.Ke5 Te2 72.Kd5 Te1 73.Ld3 Kh7 74.Kd4 Kg7 75.Le3 Ta1 76.Ke4 Ta4+ 77.Kf3 Ta3 78.Lb5 Tb3 79.Le8 Tb1 80.Lc6 Tb4 81.Ld2 Tb6 82.Lc3+ Kh6 83.Ld5 Tb1 84.Kf4 Tf1+ 85.Ke5 Tg1 86.Ld2+ Kg7 87.Lf4 Te1+ 88.Kd6 Kf6 89.Lf3 Kf5 90.Kd5 Tf1 91.Le4+ Kg4 92.Lxg6 Der Norweger stellt seine Gewinnbemühungen ein. Txf4 93.gxf4 Kxf4 94.Lxh5 Kg3 95.Ld1 Kxh4 remis.

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