Lesenswerter „Schachkalender 2015“: Robert Hübner würdigt großen Meister und Komponisten Philidor

Philidor – von Bühl: Weiß am Zug gewinnt – im Stile alter Meister

Von Hartmut Metz
Der „Schachkalender“ bleibt auch im 32. Jahr eine Wundertüte. Der neue Band für das Jahr 2015 listet nicht nur die Geburtstage und Todestage der wichtigsten Persönlichkeiten des königlichen Spiels, Bundesliga-Infos oder Weltranglisten auf. Kaufenswert machen ihn jedes Mal vor allem die vielen kleinen Geschichten auf den gebundenen 320 DIN-A6-Seiten (Edition Marco, 14,80 Euro)!
In diesen geht es um das Musical in Lettland, mit dem der „Hexer von Riga“, Michail Tal, jetzt gewürdigt wird, oder Jacques Mieses, den „unterschätzten Meister“. Dessen Karriere beleuchtet der langjährige Baden-Badener Michael Dombrowsky. „Ist das Leben wie eine Partie Schach?“, fragt Gregor Strick hintergründig – und ganz tiefgründig wird es, wenn Robert Hübner schreibt. Der begnadete Altsprachen-Forscher und ehemalige Weltranglistendritte aus Köln widmet sich auf 22 Seiten dem schillernden Leben von François-André Philidor. Der Franzose war im 18. Jahrhundert nicht nur der herausragende Schachspieler und ein erster großer Lehrmeister mit Kernsätzen wie „Die Bauern sind die Seele des Spiels“.
Dass Philidor bis heute in Erinnerung blieb, führt Hübner auf weitere Faktoren zurück wie sein populäres erstes Schachbuch von 1749 und seine Blindvorstellungen – damals war es für das Publikum noch unvorstellbarer als heute, dass man ohne Ansicht des Brettes eine Partie spielen und gar gewinnen konnte. Zudem habe der 1726 geborene Schachmeister auch mitten im Pariser Kulturleben gestanden: etwa durch Kontakte mit Diderot und besonders als erfolgreicher Komponist der damaligen Zeit.
Hübners Stil mag manchem vielleicht trocken, ja spröde erscheinen – aber durch die schnörkellose Analyse ohne Legenden-Bildung sind seine Texte stets etwas Besonderes.
Nachstehend eine Partie von Philidor, die er im Januar 1789 in London gegen Hans-Moritz von Brühl gewann. Vorgabepartien waren in dieser Zeit wegen der großen unterschiedlichen Spielstärke oft üblich. Philidor gab dabei den Springer auf b1 vor. Dafür spielte Schwarz ohne den f-Bauern.

W: Philidor S: von Brühl

1.e4 d5 2.e5 Lf5 3.g4 Lg6 4.h4 h5 5.Sh3 Die erste Ungenauigkeit. Dd7?! e6 nimmt der weißen Idee die Spitze. 6.Sf4 Lf7? Le4 bewahrt entscheidenden Vorteil: 7.f3 Lh7 8.d4 e6 9.Ld3 Lxd3 10.Dxd3 Se7 11.Sxh5 c5 12.c3 Sbc6 und der Nachziehende steht überlegen. Dagegen bringt 6…Lh7 7.g5 Lf5 8.Le2 g6? (e6 sollte geschehen. 9.Lxh5+ Kd8 10.d4 und Schwarz behält die Oberhand) 9.e6! Lxe6 10.Sxg6 Th7 11.Se5 Dd6 12.d4 Weiß bereits in leichten Vorteil, weil der h5–Bauer auch noch fällt. 7.g5 Df5 8.d4! Das folgende brillante Turmopfer hat Philidor auf dem Schirm. De4+ 9.De2! Dxh1 Dxe2+? 10.Lxe2 erweist sich als fatal, da Schwarz sein Mehrmaterial einbüßt und schlechter steht: Kd7 (Sc6 11.e6 Sxd4 12.exf7+ Kxf7 13.Ld3 mit Gewinn) 11.e6+! Lxe6 12.Sg6 Sc6 (Th7 13.Sxf8+ Kd6 14.Lf4+ Kc6 und sowohl 15.Sxe6 als auch 15.Sxh7 gewinnen)13.c3 Th7 14.Ld3 Lf7 15.Sxf8+ Txf8 16.Lxh7 mit weißer Überlegenheit. 10.g6!? Das präzisere 10.e6! Lxe6 11.Dxe6 De4+ 12.Dxe4 dxe4 13.Sg6 Th7 14.Lg2 Sd7 15.Lxe4 e6 16.Sf4 Th8 17.Sg6 Th7 18.Sf4 mit Remisschluss wollte Philidor sicher vermeiden. e6? Sc6 11.gxf7+ Kxf7 12.e6+ Ke8 13.Le3 Sf6 14.0–0–0 Dxh4 15.Sg6 Dg4 16.Dxg4 Sxg4 17.Sxh8 ist ausgeglichen. 11.Db5+ Sd7 Sc6 sieht zunächst gut aus. Doch nach 12.Dxb7! (12.gxf7+? Kxf7 13.Dxb7 Sxd4! 14.Dxa8 Sxc2+ gewinnt Schwarz) Kd7 13.Dxa8 Sh6 14.c3 Le8 15.Le3 Sg4 16.0–0–0 Sxe3 17.fxe3 Df3 18.Lb5 Dxe3+ 19.Kb1 bricht Schwarz auf c6 zusammen, weil Lb5 nicht mehr zu verhindern ist. 12.gxf7+ Kd8 13.fxg8D Txg8 14.Sxe6+ Kc8 15.Le3 Dxh4 c6 ist etwas zäher, aber auch verloren. 16.Dxd5 Le7

17.La6! 17.Sc5 gewinnt ebenso, aber weniger sehenswert. Tb8

18.Dc6!? 18.Dc4! behält leichter die Oberhand: Ld8 19.Sxc7 Lxc7 20.Dxg8+. Philidor setzt jedoch auf beeindruckende Effekte, was ihm mit diesem Damenzug gelingt. Ld8?! Lb4+ kämpft mehr. Allerdings reicht 19.c3 La5 20.0–0–0 bxa6 21.Dxa6+ Tb7 22.Dxa5 De4 23.Da6 auch nicht für ein Remis. 19.Lg5 1:0.

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