Kotainy – Feygin: Weiß gewinnt – mit links – im Opferstil

Morsezeichen übers Handy: Jens Kotainy in Dortmund disqualifiziert / Katernberg wirft Talent aus dem Bundesliga-Kader
Von Hartmut Metz
„Mir kann man keine – und wird es auch künftig nicht – Computerhilfe nachweisen“, hat Jens Kotainy am 12. April in einer Stellungnahme in der Zeitschrift „Schach“ verbreitet. Der Abiturient wehrte sich darin vehement gegen Betrugsvorwürfe, die beim Neckar-Open in Deizisau nach fünf Siegen in Folge gegen starke Gegner aufkamen. Vier Monate später gilt der talentierte Spieler, der bereits mit 17 Jahren als deutscher Einzelpokalsieger auf sich aufmerksam gemacht hatte, wohl als überführt. Beim traditionsreichen Dortmunder Sparkassen Chess Meeting stellte Kotainy sogar das Großmeister-Turnier in den Schatten: Im Open wurde der Turnierfavorit in Führung liegend disqualifiziert. Der Schiedsrichter hatte beobachtet, wie Kotainy während des Spiels häufig in seine linke Hosentasche fasste, in der sich sein Handy befand. Dieses war scheinbar ausgeschaltet. Doch plötzlich vibrierte es in der Hand des Schiedsrichters. „Ich bin nicht der Einzige, der bei einem Turnier ein Handy dabei hat. Aber betrogen habe ich damit nicht“, betonte Kotainy gegenüber einer Zeitung und erklärte die Vibrationen damit, dass sein Bruder Georg ein Programm für Handys geschrieben habe. Das Smartphone soll Morsezeichen von sich gegeben haben, die dem 19-Jährigen die stärksten Züge des Schachprogramms „Houdini“ übermittelten. Allerdings gab es in Dortmund nicht wie in vorherigen Fällen eine Live-Übertragung, mit der ein Helfer problemlos im Internet die Züge des Gegners erhalten konnte, sie in den Rechner eingibt und die beste Entgegnung dann an den Spieler morst.
Den wachsweichen Erklärungen Kotainys schenken dennoch selbst frühere Mannschaftskameraden keinen Glauben mehr. Beim Bundesligisten Katernberg flog er am Saisonende raus. Großmeister Sebastian Siebrecht berichtet: „Wir haben nach Prüfung des Sachverhalts, unter anderem mit Statistiken und namhaften Professoren, entschieden, Jens zu suspendieren. Es gab aus dem Spielerkreis klare Statements. Er spielte in nahezu allen Partien wie ,Houdini’ und kam auf Werte, die kein Weltklassespieler erreichen kann. Selbst ein Ass wie Wladimir Kramnik spielt in zehn Jahren maximal eine Partie wie Kotainy jede!“, äußert der Jurist offen.
André Schulz vom Software-Spezialisten Chessbase will die Unschuldsvermutung, nicht gelten lassen: „Dopingkontrolleure müssen auch keine Fotos vorlegen, auf denen man die Dopingsünder beim Einspritzen der Mittel sieht. Indirekte Beweise genügen.“ Wenn Spieler wie Kotainy oder die vorher ertappten Sebastian Feller und Borislaw Iwanow „zu fast 100 Prozent Engine-Züge“ spielten, sei der Fall klar. Die stärksten Spieler der Welt kämen „im Durchschnitt höchstens auf 70 Prozent“, führt Experte Schulz aus. Der Hamburger fordert harte Sanktionen – ansonsten sei „das Turnierschach bald am Ende“.
Mit ein Grund für den Rauswurf bei Katernberg war der Sieg von Kotainy im Bundesliga-Match gegen Mülheim, als er in Runde 13 Großmeister Michael Feygin sehenswert bezwang.

W: Kotainy S: Feygin
1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Le7 5.e5 Sfd7 6.h4 a6 7.Dg4 Lxg5 8.hxg5 c5 9.g6 f5 10.Df4 h6 11.Sce2 Sc6 12.Sf3 0–0 13.c3 b5? De8! 14.De3 (14.Sh4 Sb6 15.0–0–0 cxd4 16.Sxd4 Sd7 17.Te1 Sc5 18.f3 Ld7 muss Schwarz nicht fürchten. Die Stellung ist ausgeglichen.) cxd4 15.cxd4 Dxg6 16.Sf4 De8 17.Le2 ergibt eine unklare Position. Der Nachziehende steht gedrückt, hat dafür aber einen Mehrbauern. 14.Txh6!! Das Turmopfer wird vom Programm „Houdini 3“ in Sekundenschnelle angezeigt, weil plötzlich der Schutz des Springers auf c6 fehlt. gxh6 15.Dxh6 De7 16.g7! Die Pointe. Andernfalls hat Weiß keine Kompensation. Dxg7 Td8 17.Sf4 Dxg7 18.Dxe6+ Kh7 19.Dxc6 Ta7 20.Se6 Sxe5 21.Sxe5 Lxe6 22.Dxe6 Te7 23.Dxf5+ Kg8 ist hoffnungslos. 17.Dxe6+ Kh8 18.Dxc6 Tb8 19.dxc5 Als Mensch würde man eher mit der Dame auf d5 zugreifen, anstatt die Bauernstruktur freiwillig zu zersplittern und den e5–Bauern einzubüßen. Sxe5 20.Sxe5 Dxe5 21.0–0–0 Tf6 22.Dxd5 Dxd5 23.Txd5 Lb7 24.Te5 f4 25.f3 Td8 26.Sd4 Th6 27.Kc2 Th1 28.c6! 28.Ld3 als natürlicher menschlicher Zug reicht auch, ist aber laut Houdini nur die zweitbeste Fortsetzung. Lc8 29.Ld3 Tg8 30.c7! Th2 Txg2+ 31.Kb3 Thh2 32.Te8+ Kg7 33.Txc8 Txb2+ 34.Ka3 Txa2+ 35.Kb4 und der König entkommt. Anschließend verwandelt sich der Bauer auf c7 bald in eine Dame. 31.Kb3 Thxg2 32.Th5+ Kg7 33.Td5 Td2 34.Tg5+ Kf8 35.Txg8+ Kxg8 36.Lf5 Das aussichtslose Lb7 (oder Txd4 37.Lxc8 Tc4 38.Le6+ Kg7 39.Lxc4 bxc4+ 40.Kxc4 Kf6 41.c8D) 37.c8D+ Lxc8 38.Lxc8 wollte sich Feygin nicht mehr zeigen lassen. 1:0.

Partie online nachspielen:
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alle Partien von Jens Kotainy beim Sparkassen-Open Dortmund 2013:
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