Russe muss aber Vachier-Lagrave den Turniersieg überlassen

Vachier-Lagrave – Ponomarjow: Weiß setzt – dank schwarzem Humor – einzügig matt

Von Hartmut Metz
Boris Becker nennt Wimbledon bis heute sein „Wohnzimmer“. Hier spielte das Tennis-Ass am liebsten, hier feierte Becker seine größten Erfolge, hier begeisterte er die Fans. Was für „Bobbele“ Wimbledon war, ist für Wladimir Kramnik Dortmund. Der Ex-Weltmeister verpasste zwar vergangene Woche seinen elften Turniersieg beim Sparkassen Chess-Meeting, doch eine besondere Auszeichnung erfuhr Kramnik dennoch: „Der Wettbewerb 2017 wird ,Dortmunder Sparkassen Chess-Meeting – Wladimir Kramnik-Turnier’ heißen!“, überraschte Bürgermeisterin Birgit Jörder den Russen. Die Dortmunder wollen damit die außerordentliche Treue des 41-Jährigen ehren, dessen kometenhafter Aufstieg 1992 mit dem Open-Sieg in Dortmund begann. Seitdem trat der Russe stets in der westfälischen Metropole an, nächstes Jahr zum 25. Mal! Ganz so rund wie sonst lief es für den Weltranglistenzweiten diesmal nicht. Kramnik spielte zwar eine brillante Angriffspartie gegen Rainer Buhmann – doch der Hockenheimer rettete sich am Schluss ins Remis. So musste der Dortmunder Dominator bis zur siebten und letzten Runde warten, ehe ihm ein Erfolg über seinen Landsmann Jewgeni Najer gelang.
Das reichte mit vier Zählern nur zum geteilten zweiten Rang mit dem Kubaner Leinier Dominguez Perez und Fabiano Caruana (USA). Der deutsche Spitzenspieler Liviu-Dieter Nisipeanu belegte mit einer ausgeglichenen Bilanz von 3,5:3,5 Rang fünf mit Ruslan Ponomarjow (Ukraine). Najer (2) wurde Siebter, den letzten Rang nahm Nationalspieler Buhmann (1,5) ein.
Ganz oben auf dem Treppchen, Kramniks Treppchen, fand sich Maxime Vachier-Lagrave. Der Franzose stand vor dem letzten Duell als Sieger fest. Am Ende hatte der Neuzugang der OSG Baden-Baden mit 5,5 Zählern stolze 1,5 Punkte Vorsprung auf Kramnik und seinen ebenfalls an die Oos wechselnden künftigen Klubkameraden Caruana. „MVL“, wie Vachier-Lagrave gerne von Insidern abgekürzt wird, schob sich auch in der virtuellen Weltrangliste knapp an den beiden vorbei auf Platz zwei hinter Weltmeister Magnus Carlsen.
Eine tadellose Positionsleistung zeigte der Franzose gegen Ponomarjow in Runde sechs.

W: Vachier-Lagrave S: Ponomarjow
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.0–0 Sxe4 5.Te1 Sd6 6.Sxe5 Le7 7.Lf1 Sxe5 8.Txe5 0–0 9.d4 Lf6 10.Te1 Te8 11.Sc3 Txe1 12.Dxe1 b6 Der Zug ist gemäß Programmen ungefähr gleichwertig zum Nehmen auf d4. Präziser scheint dennoch Lxd4 13.Ld3 De8 14.Ld2 Dxe1+ 15.Txe1 Lxc3 (f6 kann den Mehrbauern nicht halten. 16.Sd5 c6 17.Sc7 Tb8 18.Lf4 Le5 19.Lxe5 fxe5 20.Txe5 b6 Die Stellung ist aber ausgeglichen.) 16.Lxc3 b6 17.f3 Lb7 mit ausgeglichener Position. 13.Lf4 Lb7 14.Lxd6 cxd6 15.De3 De7 16.Dxe7 Lxe7 17.g3 Kf8 18.a4 Lc6 19.a5 bxa5 20.d5 Lb7 21.Txa5 a6 22.Ta3 Lf6 23.Sa4 Ke7 24.c4 Kd8 25.Te3 a5 26.Le2 La6 27.Kf1 Tb8 28.b3 g5?! Vielleicht etwas zu verpflichtend, weil es die weißen Felder schwächt. Diese werden bald zur Operationsbasis des Turms. Ld4 29.Te4 Le5 hält das Gleichgewicht. 29.Ke1 Ld4 30.Tf3 Ke7 31.Ld1 h6 32.Kd2 Tb4 33.Kd3 La7 34.Tf5 f6 35.Sc3 Lc5 36.f4 Tb8 Das Problem der schwarzen Figuren ist, dass sie bis auf den Läufer auf c5 stark eingeschränkt sind. Insbesondere der Läufer auf a6 spielt gar nicht mit. 37.fxg5 fxg5 38.Kc2 Lg1 39.Lh5 Lxh2 Tf8 40.Txf8 Kxf8 41.h3 Ke7 (Lf2 ist ein Fehler. 42.Se4 Le1 43.Sxd6 Lxg3 44.Sf5 Le5 45.Kd3 d6 46.Sxh6 Lc8 47.Lg4 Kg7 48.Lxc8 Kxh6 Dank der ungleichfarbigen Läufer hält Schwarz jedoch die Stellung: 49.c5! dxc5 50.Kc4 Kg6 51.Kxc5 Kf7 52.Kb6 Ke7 53.Kxa5 Lc3+ 54.b4 Kd6 55.Le6 Kc7 56.Kb5 Kd6 57.Kc4 Le1 58.Lf7 Ld2 59.b5 Le3 60.Kd3 Lb6 61.Ke4 Ke7 62.Le6 Kd6 63.Lg8 La5 64.Kf5 Ld8 65.Lf7 Kc5 66.Ke6 Kxb5 67.Kd7 Lf6 68.d6 Kc5 69.Ke6 Ld8 70.Lh5 Kd4 71.Lg4 La5 72.d7 Ke4 73.Ke7 Ke5 74.d8D Lxd8+ 75.Kxd8 Kf6 76.Ke8 Kg7 77.Ke7 Kh6 78.Kf6 Kh7 79.Lf5+ Kh8 80.Kxg5 und Weiß hat den falschen Randbauern. 80.Kf7 bringt auch nichts, weil das Patt nicht aufgehoben werden kann, wenn der g-Bauer nach g4 muss und dort erobert wird: g4 81.hxg4 patt.) 42.Kd3 Lf2 43.g4. 40.Tf7+ Kd8 41.Lg4 Tb7 42.c5! Lxg3 43.Se4

dxc5?! Die Figur muss Ponomarjow zwar geben, denn Lh2 44.cxd6 Ke8 45.Lh5 führt ins Matt: Tb4 46.Tf1+ Kd8 47.Tf8 matt. Doch Tc7! ist klar besser. 44.Sxg3 Txc5+ 45.Kb2 Lb5 (Txd5 verliert. 46.Txd7+ Ke8 47.Se4 Te5 48.Sf6+ Kf8 49.Lh5 Te7 Allein dies verhindert das Turm-Matt auf f7. 50.Sh7+ Txh7 51.Txh7) 46.Lf3 Ld3 47.Ka3 Lb1 48.Le4 Lxe4 49.Sxe4 Txd5 50.Sf6 Td3 51.Txd7+ Kc8 52.Th7 Th3± Schwarz sollte sich ausreichend verteidigen können. 44.Sxg3 d6 45.Tf8+ Ke7 46.Ta8 Tb6? Ld3+! ist ein hübscher Trick. 47.Kxd3 Txb3+ 48.Ke4 Txg3 und Schwarz hat eine Figur zurück. 47.Kc3 47.Sf5+! gefällt genauso. Kd7 (Kf6 48.Te8 Kf7 49.Te6 Tb8 50.Lh5+ Kg8 51.Tg6+ Kh8 52.Txh6+ Kg8 53.Tg6+ Kh8 54.Txd6 und Weiß räumt die meisten feindlichen Bauern ab.) 48.Sxh6+ Kc7 49.Le6+–. Lb7 48.Sf5+ Kf6 Kd7 49.Th8 Lxd5? – oder Kc7 50.Th7+ Kb8 51.Lf3 und die Bauern fallen am Königsflügel – 50.Se3+ Kc6 51.Tc8+ Kb7 52.Sxd5. 49.Tf8+ Ke5 50.Se3 Ke4 51.Sc4 Ta6

Ponomorajow‘scher Humor: Er gönnt dem Gegner das neckische Matt. 52.Lf3 matt.

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