„Ein dreifaches Hurra“ auf Weltmeister Lasker

Rekordchampion starb vor 75 Jahren / Mathematiker und Philosoph ein Freund von Albert Einstein

Phillsbury – Lasker: Mit schwarzer „Magie“ – frei nach Kasparow – gerät der weiße Monarch in ein wohlberechnetes Mattnetz

Von Hartmut Metz
Ein dreifaches Hurra dem neuen Weltmeister!“ Mit dem Ausruf erhob sich Emanuel Lasker nach seiner zehnten Gewinnpartie gegen Wilhelm Steinitz und feierte sich 1894 selbst als zweiten Weltmeister der Schach-Geschichte. Der Ausnahmekönner kam an Heiligabend 1868 in Berlinchen zur Welt und starb vor 75 Jahren, am 11. Januar 1941, an der Stätte seines ersten großen WM-Triumphes, in New York. So lange wie kein anderer Großmeister, 27 Jahre, verteidigte Lasker den Thron. Egal, ob Frank Marshall, Erzrivale Siegbert Tarrasch oder David Janowski – mit Aus- nahme von Carl Schlechter wurden alle WM-Heraus- forderer in den fast drei Jahrzehnten deklassiert. Erst der Kubaner José Raoul Capablanca konnte 1921 die Regentschaft des Doktors der Mathematik und Philosophie beenden. Der Universalgelehrte aus der Mark Brandenburg war ein enger Freund des Physikers Albert Einstein. Die folgende Glanzpartie beim Viererturnier in St. Petersburg 1895/96 besaß enorme Bedeutung. Der neue amerikanische Stern am Schach-Himmel, Harry Pillsbury, lag deutlich in Front und hätte bei einem Erfolg Ansprüche auf einen WM-Kampf anmelden können.
Allein Ex-Weltmeister Wilhelm Steinitz hielt durch sein gutes Resultat gegen Pillsbury den Wettbewerb offen. Bei einem dritten Sieg im vierten Duell der beiden Führenden wäre dem 23-jährigen Amerikaner Platz eins nicht mehr zu nehmen gewesen – doch Lasker schlug grandios zurück und verbesserte seine Bilanz im direkten Vergleich auf 1,5:2,5. Pillsbury brach ein und verlor fünf Partien in Serie. Nach einem der schönsten doppelten Turmopfer der Schach-Historie setzte sich der Deutsche noch vor Steinitz, Pillsbury und Michail Tschigorin durch. In den folgenden Jahren eilte der beflüglte Lasker bei allen großen Turnieren von Sieg zu Sieg.

W: Pillsbury S: Lasker
1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Sf6 4.Sf3 c5 5.Lg5 cxd4 6.Dxd4 Sc6 7.Dh4? 7.Lxf6 verdient den Vorzug. Acht Jahre später in Cambridge Springs 1904 setzte Pillsbury so gegen Lasker fort und gewann. 7…gxf6 (Dxf6 8.Dxf6 gxf6 9.cxd5 Sb4 10.Tc1 ist besser für Weiß. Schwarz kann sich wegen der zersplitterten Bauernstruktur kaum Sxd5 11.Sxd5 exd5 12.e3 Lb4+ 13.Kd1 erlauben) 8.Dh4 dxc4 (d4? 9.0–0–0 e5 10.e3) 9.Td1 Ld7 10.g3 f5 11.Dxc4 mit Ausgleich. Le7 8.0–0–0?! Pillsbury bevorzugte die lange Rochade in diesem System – durch den Bauern-Aufzug nach c4 ist die Stellung vor dem König jedoch bereits geschwächt. 8.cxd5 überzeugt daher mehr. Da5 9.e3 Ld7?! Solide. Aber h6! befragt gleich den Läufer. 10.Kb1 h6 11.cxd5 exd5 12.Sd4 0–0 13.Lxf6 Lxf6 14.Dh5 Sxd4 15.exd4 Le6 Dank des prächtigen schwarzfeldrigen Läufers steht Schwarz klar besser. 16.f4 Tac8 17.f5?! 17.Df3 Db6 18.Sxd5 Lxd5 19.Dxd5 Tfd8 20.Db5 Txd4 21.Txd4 Dxd4 22.Ld3 a6 23.Db3 Dxf4 kostet einen Bauern, Pillsbury kann aber mit den ungleichfarbigen Läufern kämpfen.

Txc3!! Ld7 ist auch gut. Doch Lasker hat Geistreicheres im Sinn! 18.fxe6!

18.bxc3 Tc8!! Der stille Zug ist noch stärker als das letztlich auch vorteilhafte Ld7. 19.fxe6 Dxc3 20.exf7+ Kf8 21.De2 Lxd4 und allein 22.De8+ Txe8 23.fxe8D+ Kxe8 24.Txd4 Dxd4 verhindert das Matt. Weiß kann hiernach aber sofort aufgeben.

Ta3!! Dieses erneute Turmopfer muss Weiß nun annehmen, weil es ansonsten nach Txa2 keine gute Verteidigung mehr gibt. 19.exf7+? Das verliert, aktiviert es doch den Turm. 19.bxa3! verspricht eher ein Remis: Db6+ 20.Lb5! Nur so! Die Dame muss von d4 abgelenkt werden. (20.Ka1? Lxd4+ 21.Txd4 Dxd4+ 22.Kb1 fxe6 23.Le2 De4+ 24.Ka1 Tf2 mit entscheidendem Angriff. 25.Te1 Dd4+ 26.Kb1 Dd2 27.Td1 Dxe2 28.Dxe2 Txe2 verliert) Dxb5+ 21.Ka1 fxe6 22.Dg4 e5 23.De6+ Kh8 24.dxe5 Dc4 25.exf6 Dc3+ 26.Kb1 Txf6 27.De8+ Kh7 28.Db5 Tb6 29.Dxb6 axb6 30.Txd5 kann Weiß dank der zwei Türme für die Dame halten. 19.e7!? macht’s etwas besser als exf7+, ist aber auch letztlich zugunsten des Nachziehenden: Te8! 20.bxa3 Db6+ 21.Lb5 Dxb5+ 22.Ka1 Txe7 23.Df5 Tc7 24.Td2 Tc4 25.Thd1 Dc5 26.Kb1 Dxa3–+. Txf7 20.bxa3 Db6+ 21.Lb5! Noch die beste Chance. 21.Ka1 Lxd4+ 22.Txd4 Dxd4+ 23.Kb1 De4+ 24.Ka1 De1+ 25.Kb2 Tf2+ 26.Kb3 Db1+ 27.Ka4 Tf4+ 28.Ka5 Db6 matt oder 21.Kc2 Tc7+ 22.Kd2 Dxd4+ 23.Ke1 Dc3+ 24.Kf2 Ld4+ 25.Txd4 Dxd4+ 26.Kg3 Tc3+ 27.Df3 mit Damenverlust. Dxb5+ 22.Ka1 Tc7? In bereits einsetzender Zeitnot verdirbt Lasker die Stellung ins Remis. Dc4! behält die Oberhand. 23.Dg4 Te7! und die Drohungen Te4 und Te2 entscheiden: 24.Dh3 Lxd4+ 25.Kb1 Te2 26.Db3 Tb2+ 27.Dxb2 Lxb2 28.Kxb2 De2+ 29.Kb1 De4+ 30.Ka1 Dxg2–+. 23.Td2 Tc4 24.Thd1? Revanchiert sich mit einem weiteren Patzer. 24.Te1! erzwingt Da5! (Dc6 25.De8+) 25.Te8+ Kh7 26.Df5+ g6 27.Te7+!! (27.Dxf6?? Tc1+ 28.Kb2 Dc3 matt) Lxe7 28.Df7+ Kh8 29.De8+ Kg7 30.Dxe7+ Kg8 31.De8+ mit Dauerschach. Tc3? Ein Schnitzer. Dc6! behält d5 und e8 im Visier und droht Tc1+. 25.Kb1 Lg5 26.Te1 Kh7 27.Dd1 Lxd2 28.Dxd2 Dg6+ 29.Kb2 Db6+ 30.Ka1 Txd4 31.Dc2+ Dg6 32.Dxg6+ Kxg6 33.Te7 Td2 34.Txb7 Txg2 35.Txa7 Txh2 und Schwarz gewinnt das Turmendspiel. 25.Df5 Dc4?! Tc4 26.Tc2 Dc6 27.Txc4 dxc4 28.Df3 Dd7 29.Dc3 b5 Die Remisbreite bleibt gewahrt. 26.Kb2?? Sieht vernünftig und stark aus. Doch 26.Kb1! Txa3 (Db5+ 27.Tb2) 27.Tc1! „und die Schachgeschichte hätte einen anderen Weg eingeschlagen“, kommentiert Kasparow angesichts von Db5+ 28.Ka1 Te3 29.Tb2 Da4 (Lxd4 30.Tc8+ Te8 31.Txe8+ Dxe8 32.Dxd5+ Df7 33.Dxd4) 30.Tc8+ Kf7 31.Txb7+ Te7 32.Dh5+ Ke6 33.Dg4+ Kf7 34.Tcc7 Dxd4+ (34…Lxd4+ 35.Kb1) 35.Dxd4 Lxd4+ 36.Kb1 Txc7 37.Txc7+ Ke6 38.Kc2. Das Endspiel gewinnt Weiß dank der Qualität mehr.

Txa3!! „In der magischen Welt des Schachs kann der Blitz doch zweimal an gleicher Stelle einschlagen. Ich glaube, dass Pillsbury seinen Augen nicht traute – das Gespenst auf a3 ist wiedergekehrt“, schreibt Kasparow beziehungsweise sein Ghostwriter in der Buchreihe über seine Vorgänger auf dem WM-Thron malerisch. 27.De6+ 27.Kb1 Lxd4 28.Te1 (28.Txd4 Dxa2+ 29.Kc1 Tc3+ 30.Dc2 Txc2 matt) Db4+ 29.Kc1 Dc3+ 30.Dc2 Da1+ 31.Db1 Tc3+ 32.Tc2 Le3+ 33.Txe3 Dxb1+ 34.Kxb1 Txe3 35.Tc7 Te1+ 36.Kb2 Te2+ 37.Kb3 Txg2 38.Txb7 Txh2 und das Turmendspiel verläuft erneut einseitig. Kh7 28.Kxa3?! 28.Df5+ Kg8 29.De6+ Kh8! 30.De8+ Kh7 bringt Lasker in Zeitnot nur ein paar zusätzliche Züge. 28.Kb1 rettet Pillsbury nicht: Lxd4 29.Df5+ g6 30.Df7+ Lg7 31.Dxd5 Db4+. Dc3+ 29.Ka4 b5+! Der K.o.-Schlag. 30.Kxb5 Dc4+ 31.Ka5 Ld8+ 32.Db6 Lxb6 matt.

Pillsbury brach hernach im Turnier ein und verlor fünf Partien in Folge! Lasker blieb weitere 26 Jahre bis 1921 Weltmeister.

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