Dresdner Schach-Legende Wolfgang Uhlmann feiert heute 80. Geburtstag

Fischer – Uhlmann: Schwarz geht – unter Bauernopfer – (erfolgreich) zum Angriff über

Von Hartmut Metz
Wolfgang Uhlmann beschäftigt sich derzeit in seiner Kolumne im Fachblatt „Rochade Europa“ mit den „ewigen Zweiten“. Selbst war der Dresdner in der DDR jahrzehntelang die Nummer eins – international reichte es dem Weltklassespieler aber nicht einmal zum „ewigen Zweiten“. Mit ein Grund war, dass nur olympische Sportarten exzessiv gefördert wurden – und Schach hatte trotz der enormen Popularität im Bruderstaat Sowjetunion keine Lobby in der DDR. Schlimmer noch: Die Großmeister um Uhlmann wurden von 1974 bis 1986 international vom Arbeiter- und Bauernstaat komplett ausgebremst. Heute feiert der elffache DDR-Meister seinen 80. Geburtstag. Kurz zuvor durfte die Ost-Legende sogar in der Bundesliga noch einmal ans Brett, unterlag aber für seinen Dresdner Klub – immerhin ein neuer Rekord als dienstältester Spieler im deutschen Oberhaus. Eng verknüpft wird Uhlmann mit einer Eröffnung: Sein Buchtitel „Ein Leben lang Französisch“ mag für Nicht-Schachspieler zweideutig klingen, doch der Jubilar widerspricht schmunzelnd:
„Nein, nein, da hatte ich keine bösen Hintergedanken!“ Der Klassiker von 1991 sollte nicht als Leitfaden für aufregende Spielchen im Bett, sondern auf dem Brett dienen! Uhlmann hat mit seiner Lieblingsentgegnung e6 auf den weißen Bauernaufzug 1.e4 „fünf Weltmeister geschlagen“, wie er gerne stolz erwähnt. Neben Bobby Fischer, Wassili Smyslow, Alexander Chalifman und Viswanathan Anand auch Michail Botwinnik. Den Schach-Übervater aus der UdSSR „verehrte“ er als „Lehrmeister, auch wegen seiner kämpferischen Einstellung“. Die kann man dem ehemaligen WM-Kandidaten von 1971 auch nicht absprechen. Nachstehend sein Sieg 1960 in Buenos Aires über Fischer mit seiner geliebten Französischen Verteidigung.

W: Fischer S: Uhlmann
1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4
Eine der zwei Hauptvarianten. Häufig gespielt wird auch Sf6. 4.e5 c5 5.a3 Lxc3+ 6.bxc3 Se7 7.Sf3 Für die zerstörte Bauernformation erhält Weiß das Läuferpaar und den schwarzfeldrigen Läufer, der aktiv aufgestellt werden kann. Ld7 8.a4 Da5 9.Dd2 Sbc6 10.Ld3 c4 Einerseits gibt Schwarz so den Druck auf c4 auf, erhält aber andererseits am Damenflügel eine geschlossene Stellung, in die der König hineinrochieren kann. Zudem wird der Läufer von seinem Idealfeld d3 wieder vertrieben. 11.Le2 f6 12.La3 Sg6?! Drückt zwar auf e5, aber der Springer behindert auf dem Feld den Angriff, den Schwarz später inszenieren will. 0–0–0 ist konsequenter. 13.0–0!± 0–0–0 fxe5? entpuppt sich als Fehler: 14.Sxe5 Sgxe5 15.dxe5 Sxe5?? 16.Dg5! Sg6 (Sc6 17.Lh5+! g6 18.Df6 Tg8 19.Tfe1+– gxh5 20.Txe6+ Lxe6 21.Dxe6+ Kd8 22.Dxg8+ Kc7 23.Dxa8 kostet einen Turm. 16…Dxc3?? 17.De7 matt) 17.Lh5 Kf7 Allein dies verhindert das Matt auf e7. 18.De7+ Kg8 19.Dxd7 kann der Nachziehende sofort aufgeben. 14.Ld6 Sce7! „Uhlmann gruppiert um, weil seine Chancen auf dem Königsflügel liegen“, kommentierte Rolf Schwarz anno 1967. 15.Sh4 15.Lb4 Dc7 16.a5 Lc6 17.Tfe1 Sf5 18.Lf1± ist für Weiß deutlich angenehmer. Tde8 16.Sxg6 hxg6 17.exf6?! 17.Lg4 Sf5 18.Lb4 Dc7 19.Tfe1 setzt auf Raumvorteil und die dadurch einhergehende bessere Figurenaufstellung. gxf6 18.h3 Sf5 19.Lh2 g5 20.f4? Schwächt das Feld e4. 20.Lg4 bewahrt einen leichten Vorteil. Sd6?! g4! sperrt den Läufer auf h2 aus. 21.Lxg4 Kb8 22.Tfe1 Ka8 23.Lxf5 exf5 24.Txe8+ Lxe8 Schwarz hat ausgeglichen. 21.Lf3? 21.fxg5! zeigt den Nachteil des Springerzugs auf: Se4 22.De1! Dxc3 23.gxf6 Dxd4+ 24.Kh1 Dd2 25.Dxd2 Sxd2 26.Tfe1 Se4 (e5? 27.f7 Te7 28.Tad1 Se4 29.Txd5 mit Gewinnstellung) 27.Le5 Tef8 28.Kh2 Sxf6 29.Tf1 Se4 30.Lxh8 Txh8 31.Lf3 und mit der Mehrqualität genießt Fischer die besseren Aussichten.

g4!! Ein brillanter Zug. Unter Bauernopfer schränkt Schwarz den Läufer auf h2 erheblich ein. 22.hxg4 22.Lxg4? Se4 23.De3 f5 24.Lf3 Dxc3 25.Dxc3 Sxc3 gewinnt den Bauern bei anhaltender Figurenaktivität zurück. f5! 23.g5 Te7 24.Lg3 Le8 Schwarz möchte den Läufer abtauschen und dann mit dem Springer das Idealfeld e4 ansteuern. 25.De3 Se4 Lh5 erlaubt 26.De5 Dd8 27.a5 Lxf3 28.gxf3!, was dem Springer das schöne Feld auf e4 nimmt. 26.Lxe4 dxe4 27.Kf2 Teh7 28.Tfb1 Dd5 29.De1 29.a5 sollte das Gleichgewicht halten. Th1! 30.Dxh1?? 30.De3 verteidigt sich: Txb1 31.Txb1 Lxa4 32.Ta1 b5 (Lxc2 33.Txa7 Kb8 34.Ta1 Ld3 35.Dc1 Kc7 36.Ke3 Db5 37.Da3± ist für Schwarz gefährlicher, weil der König offener steht) 33.Kg1 mit Ausgleich. e3+! Ein wichtiger Zwischenzug. 31.Kg1 31.Kxe3? De4+ 32.Kf2 (32.Kd2? Txh1 33.Txh1 Dxg2+) Txh1 (Dxc2+ 33.Kg1 Txh1+ 34.Kxh1 Lc6 35.Tg1 Dxc3) 33.Txh1 Lc6! 34.Th2 Dxc2+ 35.Kg1 Dxc3 und der c-Bauer marschiert durch. 31.Ke2? stellt die Partie umgehend ein: Txh1 32.Txh1 Dxg2+. Txh1+ 32.Kxh1 e2! 33.Tb5!? Versucht aktives Gegenspiel und will die Batterie mit Dame und Läufer, die auf g2 drückt, ausschalten. 33.Te1 De4 34.a5 Lc6 35.Tg1 De3 36.Kh2 Dxc3 37.Lf2 Kd7 und weil der König den g-Bauern stoppt, sind die weißen Kräfte danach überfordert, den Laden zusammenzuhalten. Ein Beispiel: 38.Tac1 Dd2 39.Kg3 Ke7 40.Th1 Kf7 41.Th7+ Kg8 42.Thh1 (42.Tch1 Dc3+ 43.Kh2 Kxh7) Kg7 43.The1 Le4 44.a6 b6 45.c3 Ld5 46.Tg1 Kg6 47.Tge1 Dd3+ 48.Kh2 De4 49.Tg1 Dxf4+. Lxb5 34.axb5 Dxb5? Kd7 gewinnt überzeugend: 35.Txa7 De4 36.Ta1 Dxc2 37.Kh2 Dxc3 38.Te1 De3 39.b6 c3 40.g6 Ke7 41.Ta1 c2. 35.Te1 a5 36.Txe2 a4 37.Txe6 37.Te5 De8 38.Kg1 Kd7 39.d5 (39.Lf2 Db8 40.Le3 b6 41.d5 a3 42.dxe6+ Ke8 43.Lc1 a2 44.Lb2 Dd6 45.g6 Dd1+ 46.Kf2 Dg4 und Schwarz behält die Oberhand) a3 40.dxe6+ Dxe6! 41.Txe6 Kxe6 42.Lf2 a2 und der Läufer kommt zu spät, um den Freibauern aufzuhalten. a3 38.g6 38.Te5 Dxe5 wendet die Niederlage nicht ab. Dd7 a2?? verliert sogar! 39.g7 a1D+ 40.Kh2 und weil die zwei Damen in dieser Stellung kein Angriffspotenzial haben, triumphiert plötzlich doch noch Fischer. 39.Te5 b6 Dg7 gefällt noch mehr. 40.Ta5 Dxg6 41.Lh2 Da6! 42.Txa6 bxa6 43.Lg1 a2. 40.Lh4 a2 41.Te1 Dg7 42.Ta1 Dxg6 0:1. Nach 43.Txa2 Dh5 44.g3 Kb7 45.Ta1 Df3+ 46.Kh2 Dxc3 sammelt Uhlmann die Bauern ein.

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