„Richard der Fünfte“ der Inbegriff des friedfertigen Gesellen / Das Magazin „Karl“ und die Liebe zum Unentschieden

Topalov – Kramnik: Weiß schaukelt die Partie zum Remis

Von Hartmut Metz
Er war der gutmütigste Gegner, den man sich denken konnte, fast jederzeit und gegenüber jedem Gegner mit Remis einverstanden. Aber wehe, wenn man offensichtlich auf Gewinn gegen ihn spielte, dann wurde er wild!“, berichtete Friedrich Sämisch über seinen Wettkampf 1922 gegen Richard Teichmann. Der Einäugige war ein großer Schachspieler – doch „denkbar gering war sein Ehrgeiz. Denkbar groß dagegen sein Bedürfnis nach friedlichem Behagen“, ergänzt Rudolf Spielmann, der selbst kein Opfer im Kampf um den Sieg scheute. So wurde Teichmann zum Inbegriff des Remis-Spielers. Nimmt man seinen Sieg beim legendären Turnier 1911 in Karlsbad aus, erhielt der Thüringer aus gutem Grund den Spitznamen „Richard der Fünfte“ – weil er häufig in Turnieren auf dem fünften Platz landete … In dem Zweikampf mit Sämisch schob Teichmann abrupt alle Figuren zusammen und beendete eine Partie mit dem noch heute im Schach geläufigen Bonmot: „Genug des Stumpfsinns, remis!“
Angeblich machte sich der Großmeister hernach eilig auf zu den Ringkämpfen im Zirkus Busch, die ihn offenbar mehr interessierten …
Der „Karl – Das kulturelle Schachmagazin“ widmet sich in seiner aktuellen Ausgabe dem Remis. Unentschieden gibt es zwar auch in anderen Sportarten, doch in keiner anderen kommt es so häufig – sei es, weil beiden ein Remis genügt, friedliche Naturen wie Teichmann sich gegenübersitzen oder beide Niederlagen fürchten. Schon nach wenigen Zügen oder Minuten endet der Kampf – und weicht bei manchem der mit Inbrunst geführten weit ausgiebigeren Analyse des kurzen Schauspiels auf den 64 Feldern …
Doch auch wunderbare Anekdoten ranken sich um die Remis-Offerten: Der Kölner Robert Hübner ist in mehrere verwickelt, die das erneut lesenswerte Magazin „Karl“ in seiner Liebe zum Unentschieden erwähnt. Einen Kontrahenten vertröstete der einstige WM-Kandidat einmal mit den Worten „zu früh“ – als der Gegner es erneut wagte, den Friedensschluss zu unterbreiten, befand Hübner trocken: „Zu spät!“
Das Remis zählt zu den Schach-Ausdrücken, die wie „Matt“, „Patt“ oder „Zugzwang“ in den allgemeinen Sprachwortschatz einflossen. Beim Denksport gibt es außerdem eine Debatte um den „Remistod“, die sich heutzutage damit befasst, ob das Denkspiel aufgrund der Computer-Analysen nicht der Reformen bedarf. Diese Diskussion wie auch schöne Remis-Partien finden sich zudem im „Karl“. Eine davon ist eine zwischen Wesselin Topalow und Wladimir Kramnik in Dortmund. Der Bulgare und der Russe sind sich in tiefer Abneigung verbunden und stehen gewiss nicht im Ruch, freundschaftliche Remis-Absprachen zu treffen.

W: Topalow S: Kramnik
1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6 5.Lg5 dxc4 6.e4 b5 7.e5 h6 8.Lh4 g5 9.Sxg5 hxg5 10.Lxg5 Sbd7 11.exf6 Lb7 12.g3 c5 13.d5 Db6 14.Lg2 0–0–0 15.0–0 b4 16.Tb1 Da6 17.dxe6 Lxg2 18.e7 Lxf1 19.Dd5

topalov-kramnik

Lxe7 Ld3? verliert. 20.Lf4!! Db6 (Lxb1 21.Da8+ Sb8 22.Dxb8+ Kd7 23.exd8D+ Ke6 24. De5 matt oder bei 23…Kc6 24.Ddc7 matt) 21.Sa4 Db5 22.Da8+ Sb8 23.Dxa7! Db7 24.Sb6+ Dxb6 25.Dxb6 Td6 26.e8D+ Td8 27.Dexd8 matt. 20.fxe7 Ld3! Tdg8 reichte 1994 zwischen Garri Kasparow und Kramnik nicht zum Ausgleich: 21.Se4 Tg6 22.Txf1? (22.Da8+! Sb8 23.Txf1 Dc6 24.Td1!! Dxa8 25.Td8+ Kc7 26.Lf4+ Kb6 27.Txh8 Te6 28.e8D Txe8 29.Txe8 Dd5 30.Txb8+ Ka6 31.Sd2! c3 32.bxc3 bxc3 33.Sb3 c4 34.Sc1 c2 35.h4 mit Gewinnstellung) Dc6 23.Dxc6+ Txc6 24.Td1? Te8 25.Sd6+ Txd6 26.Txd6 f6 ½–½. 21.Se4 Lxb1 22.Sd6+ Kc7 23.Lf4 23.exd8D+ Txd8 24.Sxf7 Te8 25.Lf4+ Kb6 (Kc8 26.Da8+ Sb8 27.Dxb8+ Kd7 28.Dc7+ Ke6 29.Sg5+ Kf5 30.Df7+ Df6 31.Dxe8 c3 32.Dd7+ Kg6 33.Dh7 matt) 26.Dd6+ Ka5 27.Dxd7 Te1+ 28.Kg2 Le4+ 29.f3 Lc6 30.Dd2 Ta1 31.Lc7+ Ka4 32.Dc2+ b3 33.Dc3 Txa2 34.h4 Db5 35.Le5 Ld5 36.Sd6 Dd7 hält der Rechner für ausgeglichen. Kb6 24.Sxc4+ 24.exd8D+ ändert nichts am Remis. Txd8 25.Sxf7?! (Das ist gefährlich für Weiß. Daher sollte er lieber ein Dauerschach geben mittels 25.Sxc4+ Kb5 26.Sd6+). Dc8 26.Dd6+ Ka5 (Kb5 27.Dd1 Da6 28.Sxd8 mit klar besserer Stellung) 27.Dc7+ Dxc7 28.Lxc7+ Ka4 29.Sxd8 Lxa2 30.h4 c3 31.b3+ (31.bxc3 b3 und der Bauer läuft zur Dame) Lxb3 32.h5 c2 33.Lf4 Se5 34.Sb7 Sd3 35.Le3 Lg8 36.g4 b3 37.g5 b2 und Schwarz setzt sich durch. Kb5 25.Sd6+ Kb6 26.exd8L+ Txd8 27.Sc4+ 27.Sxf7!? Te8 28.Dd6+ Ka5 29.Dc7+ – oder 29.Dxd7? Te1+ 30.Kg2 Df1+ 31.Kf3 De2+ 32.Kg2 Le4+ 33.Kh3 Dh5 matt – Db6 30.Dxd7 Te1+ 31.Kg2 Ka6 32.Da4+ Kb7 33.Dd7+ mit Dauerschach. Kb5 28.Sd6+ Kb6 29.Sc4+ Kb5 Remis.

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