Großer Geist macht sich klein

Hübner – Curien: Weiß zieht und gewinnt – ganz unbescheiden – sofort

Schach-Legende und Sprachgenie: Robert Hübner wird 65
Von Hartmut Metz
Er ist ein Ausbund an Bescheidenheit: „Fünfundfünfzig feiste Fehler“ lautet der Titel eines legendären Buchs von Robert Hübner, in dem sich der promovierte Papyrologe hauptsächlich mit seinen vermeintlich grauenhaften Patzern auf den 64 Feldern befasst. Auch ansonsten macht sich der herausragende deutsche Schachspieler nach dem Zweiten Weltkrieg klein: Sei es bei seinen Autogrammen, die er in fast mikroskopischer Handschrift gewährt, sei es bei seinen Sprachkenntnissen.
20 Sprachen soll der große Geist, der am Mittwoch seinen 65. Geburtstag feiert, beherrschen. Die Erzählung, er habe sich mit dem Großmeister-Kollegen Heikki Westerinen nicht verständigen können, weil dieser nur Finnisch konnte, weshalb Hübner nach Hause ging und sich die komplizierte Sprache flugs bis zur nächsten Begegnung aneignete, die verweist der Kölner ins Reich der Legenden. Es stimmt jedoch, dass der bescheidene Feingeist seit langem neben lateinischer auch finnische Literatur übersetzt. Und wenn Hübner betont, er beherrsche lediglich „acht Sprachen“, darf man getrost davon ausgehen, dass der Papyrologe diese perfekt kann – und das restliche Dutzend wegen kleiner Mängel ausklammert…
Mit Schach hat der frühere Weltranglistendritte, der 1980 erst im Kandidaten-Finale von Viktor Kortschnoi gestoppt wurde und so den WM-Zweikampf mit Anatoli Karpow verpasste, nicht mehr viel am Hut. „Ich spiele ab und zu einen Mannschaftskampf“, verweist Hübner auf seine Einsätze in der Schweizer Nationalliga für Luzern. „Ich habe ein Alter erreicht, in dem man sich den Dingen zuzuwenden wünscht, die Freude bereiten“, äußert er und nennt Beispiele, „ich habe ja schon vor etlichen Jahren damit begonnen, die ,Ilias’ nochmals in deutsche Hexameter zu übersetzen, da mir die schon vorliegenden Versuche durchaus unbefriedigend zu sein scheinen. Ich bin mit meiner Arbeit zufrieden; die Wiedergabe ist durchaus neuartig.“ Bei einer Lesung in Salzburg wurden die Übersetzungen positiv aufgenommen.
Hübner malt inzwischen aus Passion und nahm „sogar Musikstunden“. Zu seinem 65. Geburtstag machte er sich „selbst das Geschenk“, ein Büchlein unter dem Titel „Im Vorübergehen. Elemente einer Selbstbiographie“ zu schreiben. Es enthält laut dem Kölner „Reise- und Landschaftsbeschreibungen, kleine allegorische Erzählungen, halbphilosophische Vorträge, die etwas von meinen Auffassungen über Leben und Welt zeigen sollen“.
Der 64-Jährige zählte auch in der vergangenen Saison zu den Leistungsträgern von Luzern mit vier Siegen und vier Unentschieden. In der vorletzten der neun Runden Mitte Oktober hatte Nicolas Curien von Absteiger SW Bern das Nachsehen gegen Hübner.

W: Hübner S: Curien
1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 4.e5 c5 5.a3 Lxc3+ 6.bxc3 Da5 Se7 ist die aggressive Hauptfortsetzung. Mit dem Damenzug nach a5 verfolgt Schwarz einen langfristigen positionellen Plan. 7.Ld2 Da4 Schwarz will die weißen Bauern blockieren und am liebsten den weißfeldrigen Läufer abtauschen. 8.Db1! Wohl die präziseste Fortsetzung. Sie droht schlicht Lb5+ mit Damengewinn. c4 Sc6?! scheint zweifelhaft. 9.Lb5 Da5 10.c4 Dc7 11.cxd5 exd5 12.dxc5 Dxe5+ 13.Se2 erweist sich langfristig als unangenehm für den Nachziehenden. Vor allem der Läufer auf d2 wird dank des fehlenden schwarzen Pendants bald sehr agil. 9.Sh3 Sc6 10.Le2 Ld7 11.0–0 0–0–0 12.Te1 Sge7 13.Sf4 Kb8 14.Sh5 Thg8 15.Ld1 Tdf8 16.Te3 f6 Beide Seiten haben umsichtig laviert. Der Bauernvorstoß ist die einzige Möglichkeit für Schwarz, Gegenspiel einzuleiten. 17.exf6 gxf6 18.Tg3 Tg6 19.Lg4 Lc8 20.Dd1 e5 21.Lxc8 Sxc8 22.Le3 S8e7 23.Tf3 e4 24.Th3 Tfg8?! Die erste Ungenauigkeit: Sd8 25.Sf4 Tg7= überzeugt mehr. 25.Lf4+ Ka8 26.Lg3 Sd8 27.Sf4 T6g7 28.Th6 Da5?! Tf7? ist schlechter: 29.Dh5 Dxc2 30.Txh7 Txh7 31.Dxh7 Dxc3 32.Tf1 Dxa3 33.Sxd5 Nutzt die plötzlich unkoordiniert stehenden schwarzem Figuren aus. Txg3 34.hxg3 Sxd5 35.Dd7 Sc6 36.Dxd5 Dc3 37.Dxe4 Dxd4 38.Dxd4 Sxd4 39.Td1 Sc6 40.f4 und Hübner gewinnt das Endspiel nach b5 41.Kf2 c3 42.Ke3 b4 43.Kd3 f5 44.g4 fxg4 45.f5 Kb7 46.f6 a5 47.Kc2 Se5 48.Te1 Sg6 49.f7 Kc6 50.Te8 Kc5 51.f8D+ Sxf8 52.Txf8 a4 53.Tg8. Nur 28…Tf8! hält das Gleichgewicht. 29.Sh5 Tgf7 30.Ld6 Dd7 31.Lxe7 Txe7 32.Txf6 Tef7 33.Txf7 Dxf7 34.De2 Se6 mit aktivem Spiel für den Bauern. 29.Sh5 Sf5 Bei Tf7 30.Sxf6 Tg6 31.Txg6 hxg6 32.Dg4! kostet Dxc3 eine Figur: 33.Tf1 Txf6 34.Dd7 Tf8 (Sdc6 35.De8+ Sb8 36.Dxb8 matt.) 35.Dxe7. 30.Txf6 Tf7 31.Dd2 e3? Curien verliert den Faden völlig. Tg6 32.Txf7 Sxf7± ist noch spielbar, auch wenn Weiß klar besser steht. 32.fxe3 Sxg3 33.hxg3 Txf6 34.Sxf6 Txg3 35.Tf1 Se6?! 36.Df2! Tg5 37.Sxh7 Tg8 38.Df7 Curien büßt eine Figur ein und gab daher auf. 1:0.

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gepostet unter: Kolumne von Gerhard Gorges | 0 Kommentare | nach oben
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