Swidler vergibt im Weltcup-Finale gegen Karjakin eine 2:0-Führung

Karjakin – Swidler: Nach Kg8 hat Schwarz ein Problem

Von Hartmut Metz
„Jetzt bleibt mir nur noch mein Cricket“ – in Anlehnung an Schach-Großmeister und Musiker Mark Taimanow könnte dem eloquenten Peter Swidler solch ein Satz entfleucht sein. Sein russischer Landsmann Taimanow hatte nach der deprimierenden 0:6-Schlappe im WM- Kandidatenturnier gegen Bobby Fischer diesen legen- dären Satz – bezogen auf „meine Musik“ – verbreitet. Ähnlich gefühlt haben dürfte sich Swidler, als er jetzt in Baku einen weiteren Weltcup-Sieg nach 2011 ver- passte. Der passionierte Cricket-Fan pflügte über- zeugend durch das 128er-Feld. Am ehesten bot ihm noch in Runde zwei sein Baden-Badener Bundes- ligakamerad Liviu-Dieter Nisipeanu Paroli. Der deutsche Spitzenspieler zwang den St. Petersburger beim 1,5:2,5 in die Schnellschach-Verlängerung. Der 39-Jährige schaltete den topgesetzten Bulgaren Wesselin Topalow im Achtelfinale genauso aus wie danach den 16-jährigen Chinesen Wei Yi und im Halbfinale den 21-jährigen Weltranglistenfünften Anish Giri. Sergej Karjakin – mit zwölf Jahren der jüngste Großmeister der Schach-Geschichte – schien im Finale das dritte leichte Opfer unter den Jungstars.
Nach zwei Partien führte Swidler mit 2:0. Ein Remis sollte kein Problem sein, um die 96 000 Dollar Preisgeld einzufahren – doch hernach spielten dem sonst so ruhigen siebenfachen russischen Einzelmeister die Nerven einen Streich. Dank grober Fehler seines Landsmanns verkürzte der ehemalige Ukrainer erst und glich dann zum 2:2 aus. In der Verlängerung ging es mit zahlreichen Patzern weiter hin und her. Beide Seiten schienen zunehmend entkräfteter, je länger geblitzt wurde. Swidler unterlief im neunten Duell mit einem Turmeinsteller der letzte Schnitzer (siehe Partie), den Karjakin danach zum 6:4-Sieg nutzte. Ein schwacher Trost für Swidler: Der Weltranglisten-26. qualifizierte sich auch als Zweiter einmal mehr für das WM-Kandidatenturnier.

W: Karjakin S: Swidler
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0–0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 0–0 8.c3 d5 9.exd5 Sxd5 10.Sxe5 Sxe5 11.Txe5 c6 12.d3 Ld6 13.Te1 Lf5 14.Df3 Te8 15.Txe8+ Dxe8 16.Sd2 De1+ 17.Sf1 Lg6 18.Lc2??
Bei Karjakin setzt offenbar als Erstem der Verstand aus. In der ellenlangen Variante im Marshall-Gambit patzt der junge Russe. 18.Lxd5 cxd5 19.Dxd5 Td8 20.Lg5 Dxa1 21.Lxd8 Lf8 22.h4 h6= gilt nach der Partie Sevian-Naroditsky (US-Meisterschaft in Saint Louis 2015) ebenso als ausgeglichen wie die Stellung nach 18.g3 b4 19.c4 Sf6 20.Ld1 Te8 21.Ld2 De5, die in der Bundesliga 2008 zwischen Stellwagen und Gustafsson aufs Brett kam. b4? Swidler spielt im Geiste seines Baden-Badener Bundesliga-Kameraden Gustafsson weiter. Es gewann jedoch bereits Sxc3!! 19.bxc3 Dxc3 und Weiß kann aufgeben. 20.Tb1 (20.Lg5 h6! – bloß nicht Dxa1?? 21.Dxc6 mit Ausgleich – 21.Lxh6 Dxa1 22.Dxc6 Tf8 23.Lxg7 Kxg7 24.Dxd6 Te8 25.h4 Te1) Dxc2 21.Ta1 Le5 und Weiß büßt zu viel Material ein. 19.c4 b3 20.Ld1! Sb4 21.Ld2 De5 Gleich De8 ist besser. 22.Lc3 Dc5?! De7 sollte geschehen. 23.Lxb4 Dxb4 24.Lxb3 Db6 25.Te1 Lc5 26.La4?! 26.Sg3 Lxd3 27.h4 h6 28.Td1 Lh7 29.Td7 Tf8 ist für Karjakin deutlich besser. Td8 27.Td1 Dxb2 28.Lxc6 Lh5? Zum Ausgleich führt Txd3! 29.Txd3 Lxd3. 29.Tb1??

29.g4! Lg6 30.Ld5 Kh8 31.Td2 Da3 32.Sg3 macht dem Nachziehenden das Leben schwer. Dxb1?! Lxf3 30.Txb2 Lxc6 gewinnt leichter. Die zwei Bauern bieten keine Kompensation, weil Schwarz d4 blockiert und seine Stellung einfach verbessert. 30.Dxh5 Lxf2+ 31.Kxf2 Db6+ 32.Se3 Dxc6 33.Sd5 Bei kurzer Bedenkzeit kann man zumindest noch tricksen mit dem Springer. Dd6 34.g3 h6 35.De2 Tb8 36.Kg2 Kh8 37.h4 Da3 38.Kh3 Dc1 39.Sf4 Db2 40.De7 Db7?! 41.De5 41.Dxb7 Txb7 42.Kg4 ist auch schon eine Überlegung wert wegen der starken Zentralbauern, die vorrücken können. Dd7+ 42.Kh2

Kg8?? Ein unglaublicher Fehler schon für jeden guten Amateurspieler – aber bei Swidler erklärt sich der Einsteller noch schwerer trotz des vorangegangenen Marathons. 43.Dxb8+ 1:0.

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