Polgar – Ree: Weiß nimmt die Einladung zum Opferangriff dankend an

Weit überlegene Ungarin meidet Frauen-Schach- turniere / Bewunderung für Magnus Carlsen
Von Hartmut Metz

Judit Polgar ist nun seit 25 Jahren die Nummer eins der Frauen-Weltrangliste – obwohl sie zuletzt vor 24 Jahren an einem Damen-Wettbewerb teilge- nommen hat. In der jüngsten Meko beschäftigt sich Hartmut Metz mit der Karriere des einstigen Wunderkinds. Das nächste „Schach-Magazin 64„, das jetzt an den Kiosk kommt, veröffentlicht zudem ein ausführliches Interview von ihm mit Judit Polgar. Zudem sprach der Kuppenheimer auch ausführlich mit Eva Moser, die das Männer-GM-Turnier in Augsburg mit 7,5/9 gewann (siehe Meko vom 19. Januar).

Ein Vierteljahrhundert immer an der Spitze? Eigentlich im Sport undenkbar. Judit Polgar hat es jedoch vollbracht. Die Ungarin führt seit Januar 1989 die Weltrangliste der Schachspielerinnen an. Nicht nur damals und jetzt wieder, sondern durchgehend jeden Tag über 25 Jahre und mit riesigem Vorsprung! Dabei ist die Budapesterin erst 37 – die Konkurrenz muss angesichts des gewaltigen Abstands fürchten, dass die Mutter zweier Kinder noch einige Zeit einsam an der Spitze steht. Die österreichische Großmeisterin Eva Moser traut dem Ausnahmetalent durchaus zu, „weitere zehn Jahre“ zu dominieren.
Polgar selbst sieht auch „gute Chancen, wenn ich in Form bleibe, ein paar Jährchen anzuhängen“. Doch sie „hofft, dass andere Mädchen kommen und es schaffen, nicht nur Weltmeisterin, sondern absoluter Weltmeister zu werden“. Die weitere Besonderheit bei ihr besteht darin, dass die gewitzte Angriffsspielerin mangels Konkurrenz Frauen-Wettbewerbe stets mied. Nur drei Ausnahmen gibt es: Bei der U16-WM 1986 gewann die damals Zehnjährige Bronze, und zweimal räumte Judit Polgar mit ihren Schwestern Susan und Sofia bei den Mannschafts-Olympiaden 1988 und 1990 Gold-Medaillen ab.
Bei ihrem steilen Aufstieg als junges Mädchen brach die beste Spielerin aller Zeit einen vermeintlichen Rekord für die Ewigkeit: Der Amerikaner Bobby Fischer war mit 15 Jahren und sechs Monaten jüngster Großmeister geworden – doch Polgar sicherte sich den Männer-Titel noch knapp zwei Monate früher. Im Vergleich zu ihrem 25er-Jubiläum blieb diese Bestmarke jedoch vergänglich und hielt nur halb so lange wie ihr aktueller Rekord. Sergej Karjakin führt die Liste mit zwölf Jahren und sieben Monaten an. Der neue Weltmeister Magnus Carlsen (23) brauchte ein halbes Jahr länger als der gleichaltrige Wahl-Russe Karjakin. Den Norweger hält Polgar dennoch für das größte Talent: „Magnus ist wirklich beeindruckend! Ja, ich bewundere ihn ein bisschen dafür, wie er selbst Remisstellungen bis auf zwei nackte Könige auskämpft.“
Einen Mangel an Kampfgeist gab es allerdings bei Judit Polgar auch nie zu beklagen – die begnadete Taktikerin gewinnt oft rascher als Positionsspieler Carlsen, erleidet aber mit ihrem riskanten Stil auch eher Schiffbruch. Nachstehend ein schöner Angriffssieg von 1989, als die 13-Jährige Großmeister Hans Ree schnell in die Knie zwang. Die Kommentare stammen aus dem ersten Buch ihrer Autobiografie-Serie, „How I beat Fischer’s record“, das heuer auch auf Deutsch erscheinen soll.

W: J. Polgar S: Ree1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 d6 6.Le2 Le7 7.0–0 0–0 8.Le3 a6 9.f4 Dc7 10.g4!? Polgar verweist darauf, dass der Zug zwar Weiß exzellente Resultate beschert, der Vorstoß aber häufiger erst nach 10.a4 Sc6 11.Kh1 Ld7 12.Sb3 b6 13.Lf3 Tab8 14.g4 vorkommt. Te8!? 11.g5 Sfd7 12.Lh5! Polgar macht Druck auf f7. Die Hauptdrohung ist das dortige Opfer nebst Sxe6. Ein Beispiel: 12…Sc6?? 13.Lxf7+! Kxf7 14.Sxe6! und Weiß steht bereits haushoch auf Gewinn. Db8 (Kxe6 verbietet sich wegen 15.Dd5 matt) 15.Dh5+ Kg8 (Kxe6 16.f5+ Ke5 17.Tad1 Lxg5 18.Td5+ Kf6 19.Lxg5 matt) 16.Dxe8+. g6 13.Lg4! Sc6? Ree unterschätzt den weißen Angriff.

14.Sxe6! „Dieses Opfer und die gesamte Angriffsführung wirkt recht natürlich. Ich nehme an, die meiste Zeit meiner acht Minuten Bedenkzeit an dieser Stelle nutzte ich dazu, mich zu beruhigen“, erinnert sich Polgar. fxe6 15.Lxe6+ Kh8 Kf8 16.f5 ist noch schrecklicher. 16.Sd5 Db8 Dd8 17.Ld4+ Sde5 (Sxd4 verliert schnell: 18.Dxd4+ Lf6 19.gxf6 Txe6 20.f7+ Sf6 21.f5 Te5 22.fxg6 Sd7 23.Sb6 Tb8 24.Sxd7 Lxd7 25.f8D+) 18.Lb6! Lxe6 19.Lxd8 kostet die Dame. 17.Lf7! Das gefällt Polgar besser als das auch vielversprechende 17.Ld4+ Sde5 18.Lxc8 (18.Lf7 ist hier auch stärker) Dxc8 19.Sb6 Dh3 20.Sxa8 Txa8 21.fxe5 dxe5 22.Lb6. Tf8 Td8 lässt den Turm hängen nach 18.Sxe7 Sxe7 19.Ld4+ Se5 20.fxe5 dxe5 21.Lxe5+ Dxe5 22.Dxd8+. 18.Ld4+ Sde5 19.Sxe7 Sxe7 20.fxe5 dxe5 21.Lc5 Kg7 Dc7 22.Dd6 Dxd6 23.Lxd6 und wegen der Drohung Le5 matt büßt Schwarz weiteres Material ein. 22.Lxe7 Da7+ Txf7 23.Lf6+ Kg8 24.Dd8+ Tf8 25.Dd5+ Tf7 26.Lxe5 Le6 27.Dxe6 Da7+ 28.Kh1 Taf8 verbleibt mit einer Minusfigur. 23.Kh1 Lh3

24.Df3 mit baldigem Matt. Lf5 (Lxf1 25.Df6 matt) 25.Lf6+ Kxf7 26.Db3+ Ke8 27.Txf5 gxf5 28.De6 matt. 1:0.


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