Schach-Legende spielt immer noch stark – und betrügt absichtlich

So – Kasparow: Weiß spielt eine fesselnde Partie – und setzt zum Schluss noch einen drauf

Von Hartmut Metz
Die Fans hat das Comeback elektrisiert: Garri Kasparow spielt wieder! Die 53-jährige Schach-Legende knüpfte sich dabei diesmal keine anderen Altstars wie seine ehemaligen WM-Kontrahenten Anatoli Karpow oder 2015 Nigel Short vor. In St. Louis traf das „Ungeheuer von Baku“ auf die drei Sieger der US-Meisterschaft, die nun alle in den Top Ten der Weltrangliste stehen: US-Champion Fabiano Caruana, Hikaru Nakamura und Wesley So. Gleich in Runde eins bewies der vor elf Jahren zurückgetretene Kasparow, dass er noch nicht zum alten Eisen zählt: Er zertrümmerte in der ersten Blitzpartie mit fünf Minuten Bedenkzeit (plus drei Sekunden Bonus pro Zug, ehe die Uhr zu laufen anfing) den Weltranglistenzehnten So. Nach den zwei Tagen und 18 Partien hatte der einst als Weltranglistenerster abgetretene Wahl-Kroate stolze 9,5 Punkte auf dem Konto. Und das, obwohl Kasparow mehrere Figuren einstellte! Die zeigte der extrovertierte Ex-Weltmeister auch aufgeregt mit den Fingern an, als er Bilanz zog: „Drei Springer stellte ich heute ein! Und trotzdem habe ich nur einen halben Punkt weniger als der Führende!“ Doch was selbstgefällige Regelauslegungen und Betrügereien anlangt, war die Legende damit auch ganz der Alte:
Wie schon 1994 gegen die weltbeste Spielerin, Judit Polgar, ließ Kasparow einen Springer los, stellte fest, dass Nakamura danach sofort gewinnen konnte – und bevor er die Uhr drückte, nahm Kasparow den Zug dreist zurück! Den Eklat spielte der 53-Jährige anschließend herunter: „Ich war mir nicht sicher, ob ich den Springer wirklich losgelassen hatte. Im Blitz ist das manchmal schwer zu sagen“, log der Weltmeister von 1985 bis 2000 und behauptete, „ich schaute Hikaru und den Schiedsrichter an. Hätten sie reklamiert, hätte ich sofort aufgegeben.“
Nakamura war es egal. „Schließlich ist es Garri. Ich nehme das Turnier vielleicht nicht so ernst wie er. Daher entschied ich, im Zweifelsfall für den Beschuldigten zu plädieren. Deshalb unternahm ich nichts.“ Der „schnelle Brüter“ aus den Staaten gewann das attraktive Blitzturnier trotzdem mit elf Punkten vor So (10) und Kasparow (9,5). Der Weltranglistenzweite Caruana (5,5) agierte häufig zu langsam und landete wegen seiner Zeit-Probleme abgeschlagen.
Wesley So nahm Revanche für seine Auftakt-Niederlage gegen Kasparow und schlug ihn danach dreimal. Spektakulär fiel vor allem der nachfolgende Sieg aus.

W: So S: Kasparow
1.Sf3 g6 2.e4 Lg7 3.d4 d6 4.c4 Lg4 5.Le2 Sc6 6.Sbd2!
Deckt den d-Bauern indirekt. e5?! Sxd4?? 7.Sxd4 und Schwarz kann nicht auf d4 zurücknehmen, weil dann der Läufer auf g4 hängt. Lxe2 8.Sxe2. Daher sieht 6…Sf6 am vernünftigsten aus. 7.d5 Sce7 8.h3 Ld7 9.c5! Ein überraschend starkes Bauernopfer. So wird die Bauernformation von Schwarz geschwächt und der Springer auf d2 erhält ein schönes Feld auf c4. Der Zug gefällt auch Engines sehr gut. dxc5 In Betracht kommen der Standardvorstoß f5 oder Sf6. 10.Sc4 f6?! Sf6 ist eine aktive Verteidigung: 11.Dc2 Sc8 12.Scxe5 Sd6 13.Ld3 0–0 14.0–0 b5 15.Dxc5 Sfxe4 16.Dc2 Weiß steht jedoch etwas besser. 11.d6?! Ein typischer Blitzzug. Droht etwas, also zieht man ihn in den Fünf-Minuten-Blitzpartien. 11.Le3! b6 12.d6 Sc8 13.Dd5 c6 14.Dd2 Le6 15.Td1 Dd7 16.0–0 Lf8 17.Sfxe5! fxe5 18.f4 Sf6 19.Dc2 Dg7 20.fxe5 Sd7 21.Lg5 und Schwarz ist paralysiert.

Sc8 12.Le3 b6 b5! verspricht Ausgleich. 13.0–0 Lc6? Sxd6! 14.Sxd6+ cxd6 15.Dxd6 De7 gleicht aus. 14.dxc7 Dxc7 Dagegen verliert Dxd1? 15.Tfxd1 Sce7 16.Sd6+ Kf8 17.Lc4. 15.b4?! Wesley So setzt auf die Öffnung der c-Linie. 15.Db3! ist sehr stark: Lxe4 16.Tfd1 Lc6 17.Scxe5!! fxe5 18.Sg5 Lf6 (De7 oder 19.Lb5 Lxb5 20.Dxb5+ Kf8 21.Td8+ Dxd8 22.Se6+ Ke7 23.Sxd8 Kxd8 24.Td1+ Ke7 25.Td7+) 19.De6+ Kf8 20.Lf3 e4 21.Lf4 De7 22.Dxc6 Lxg5 23.Dxa8 exf3 24.Ld6. cxb4 Lxe4 16.bxc5 bxc5 17.Scxe5! fxe5 18.Sg5 Lc6 19.Db3 garantiert ebenso mächtigen Angriff. 15…b5 16.Sa5 c4 17.a4 a6 verspricht So leichten Vorteil. 16.Tc1 Sge7 17.Db3! h6 Sieht die gefährlichen Drohungen des Gegners mit Opfern auf e5 heraufziehen. Ein Beispiel: a5 18.Scxe5! fxe5 19.Sg5 Sg8 (Sd6 20.Se6 Db7 21.Sxg7+) 20.Txc6! Dxc6 21.Df7+ Kd8 22.Se6+ Dxe6 23.Td1+ Sd6 24.Lxb6+ Kc8 25.Dc7 matt. 18.Tfd1 b5?! Die Stellung ist schon kritisch. Kasparow spielt damit So in die Karten. a5 19.Sxb6! Sxb6 20.Lb5 Tc8 21.Txc6 Dxc6 22.Lxc6+ Txc6 23.Dd3 0–0 24.Db5+–.

19.Scxe5! fxe5 20.Lxb5! Tb8 Db7 21.Lxh6! Lxh6 22.Sxe5 Lxb5 23.Df7 matt. 21.La4! Ein sehr schöner Zwischenzug, der die schwarze Hilflosigkeit unterstreicht. Db7 Tf8 22.De6 Tf6 23.Txc6! Txe6 24.Txc7+ Kf8 25.Td8+ Kf7 26.Lb3. 22.Txc6! Sxc6 23.De6+ S8e7 De7 24.Lxc6+ Kf8 25.Lc5! führt zu baldigem Matt. 24.Lc5! Wesley So nutzt die vielen Fesselungen. Kasparow ist hilflos. Tc8 Th7 25.Lxc6+ Kf8 26.Ld5!; 24…Kf8 25.Lb3 Sd8 26.Txd8+ Txd8 27.Df7 matt; 24…Td8 25.Lxc6+ Dxc6 26.Dxe7 matt. 25.Lxe7 1:0. Schwarz wird in allen Varianten in vier Zügen matt: Lf8 26.Lxc6+ Dxc6 27.Td8+! Txd8 28.Ld6+ Le7 29.Dxe7 matt.

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