Zum Tod der Legende

Welche Eröffnung spiele ich gleich? Viktor Kortschnoi beklagt bei sich fehlende aktuelle Eröffnungskenntnis.

In seiner Schachspalte hat Hartmut Metz den verstorbenen Viktor Kortschnoi gewürdigt. Zudem verfasste er für sein Badisches Tagblatt und andere Zeitungen einen Nachruf auf die Legende. Weil der Wahl-Schweizer der Lieblings-Interview-Partner von Metz war – es genügte das Wort „Karpow“, um Kortschnoi in Fahrt zu bringen – machte dieser alle fünf Jahre eines mit ihm: Zum 70., zum 75. und zum 80. Geburtstag! Es gab zwar auch Überschneidungen – aber der mehrfache Vizeweltmeister glänzte stets durch lesenswerte Anekdoten und Aussagen. Unsere Webseite bietet deshalb heute ein „Kortschnoi-Special“ mit den drei Interviews und dem Nachruf.
Schwachen Geist matt gesetzt
Das Paradies: Auf ewig am Schachbrett
Kortschnoi „neidisch“ auf Urenkel Carlsen

„Ich nehme vorsorglich ein Schachbrett mit ins Grab“

Dissident Viktor Kortschnoi kämpfte allein gegen die Sowjetunion / Ältester Leistungssportler der Welt stirbt mit 85

Von Hartmut Metz
Muhammad Ali ist tot – drei Tage später folgte ihm eine andere politisch engagierte Legende: Viktor Kortschnoi. Der 85-Jährige war, um im Boxjargon zu bleiben, mehr der „Joe Frazier des Schachsports“. Der sowjetische Dissident steckte Schläge weg wie kein Zweiter, stand aber immer wieder auf. Dennoch fand der Schweizer bis zum Ende seines Lebens am Montag in Wohlen (Kanton Aargau): „Es ist peinlich, dass ich nie Weltmeister wurde.“ Die Niederlagen gegen seinen Erzfeind Anatoli Karpow schrieb er unerbittlich eigenem Unvermögen zu, obwohl „es leicht gewesen wäre, Parteichef Leonid Breschnjew als Ursache vorzuschieben, dessen Apparat den Vorzeigekommunisten Karpow in allem unterstützte“.

Psychologische Kriegsführung: Für das Duell gegen seinen Erzfeind Anatoli Karpow (links) kramte Viktor Kortschnoi im Vorjahr in Mainz die Sonnenbrille vom WM-Kampf 1978 heraus.

1974 unterlag das Stehaufmännchen erstmals dem Russen, der danach kampflos Weltmeister gegen Bobby Fischer (USA) wurde. Zwei Jahre später bat Kortschnoi in den Niederlanden um Asyl, weil er keine Chancengleichheit mehr in der UdSSR sah. Fortan boykottierten ihn alle Ostblock-Großmeister. „Viktor der Schreckliche“ ließ sich jedoch nicht unterkriegen und qualifizierte sich mit drei Erfolgen über Sowjets für das WM-Finale 1978 in Baguio City gegen Karpow. Das Match auf den Philippinen wurde zum Politikum: Die sowjetische Schachmaschinerie bremste ihn jedoch nach 32 Partien knapp mit 6:5 aus – ansonsten hätte ihn der KGB eliminiert, verbreitete später einer von Karpows Sekundanten, Ex-Weltmeister Michail Tal. 1981 gelang Kortschnoi wieder der Einzug ins WM-Finale. Mit 50 Jahren hatte er jedoch seinen Zenit überschritten und unterlag in Meran dem zwei Jahrzehnte jüngeren Karpow deutlich.

Viktor Kortschnoi liest vor einem Trophäenschrank nach, wo er den Pokal gewonnen hat.

Ganz verwunden hat er das nie. Wollten Reporter Kortschnoi für ein Interview in Rage bringen, musste nur ein Name ausgesprochen werden: Karpow! Danach sprudelte es aus ihm stets heraus: „Er hat sich niemals bei mir entschuldigt, dass er in drei Duellen das ganze Waffenarsenal der Sowjetunion gegen mich verwendete. Ich habe versucht, in seinem Verhalten menschliche Züge zu finden. Leider gelang mir das nicht.“
Doch der Kämpfer steckte nie auf – wie schon während des Zweiten Weltkriegs und der Belagerung seiner Heimatstadt Leningrad. Als Zwölfjähriger lernte er Schach und spielte Partien aus seinem einzigen Buch im Kopf nach, weil es selbst an Brett und Figuren mangelte. Der Spätstarter wäre lieber Schauspieler geworden, doch er nuschelte und konzentrierte sich eben fortan auf seine zweite Passion. So fand der beste Schachspieler, der nie Weltmeister wurde, spät seine neue Lieblingsrolle: die des ältesten Leistungssportlers der Welt. Rente? „In was?“, entfuhr es dem Schach-Fanatiker ungekünstelt, als habe er soeben einen ungeheuerlichen Zug vorgesetzt bekommen. Bei ihm leide nur der Siegeswillen etwas, stellte die Koryphäe fest, denn Siegeswillen sei mit „Feindschaft“ verbunden – und „dieses Gefühl haben ältere Leute nicht mehr nötig“.

30 Jahren sind der Großmeister und Petra Kortschnoi-Hajny liiert.

Dennoch stellte „Viktor der Schreckliche“ unmissverständlich klar: „Die meinen, sie könnten Opa den Finger in den Mund stecken – aber Opa beißt noch!“, ulkte Kortschnoi mit 77, als er in der Schweizer Nationalmannschaft dem russischen Meister Peter Swidler trotzte. Der Wohlener wurde noch 2011 mit 80 Einzelmeister der Eidgenossen! Erst 2012 bremste ihn ein Schlaganfall. Seine Managerin und Gattin Petra, die einst selbst aus dem Gulag entfloh, schob die Legende fortan im Rollstuhl ans geliebte Brett, denn in einem seiner weiteren vielen Bonmots hatte Kortschnoi verkündet: „Es gibt kein Leben nach dem Schach.“
„Wahnsinn, was der Mann in diesem Alter noch leistete. Ich habe Kortschnoi in einer Abstimmung zum Spieler des 20. Jahrhunderts gewählt!“, bewundert der ehemalige Schweizer Nationalcoach und Ex-Weltranglistendritte Artur Jussupow den schier unverwüstlichen Großmeister. So weit wollte der Gepriesen
nicht gehen: „In der Geschichte des Schachs bin ich vielleicht ein Beispiel für Langlebigkeit, für viele Jahre gutes und erfolgreiches Schach. Das ist meine Ecke.“
Zu den zahllosen Skurrilitäten seines Lebens gehört eine Partie, die Kortschnoi acht Jahre lang über ein Medium gespielt haben will – gegen den verstorbenen ungarischen Großmeister Geza Maroczy. „Viktor der Schreckliche“ zog auch aus diesem Erlebnis rechtzeitig seine eigenen Schlüsse: „Als Maroczy mit mir aus dem Jenseits spielte, hatte er kein Schachbrett – ich werde also vorsorglich eines samt Figuren mit ins Grab nehmen.“