Deutsche „Schach-Prinzen“ und Vincent Keymer trumpfen auf

Keymer – Peczely: Schwarz zieht – und ruiniert seine bis dahin gut vorgetragene Partie

Von Hartmut Metz
Seinen Spitzenspieler hat Deutschland verloren mit dem Wechsel des Baden-Badeners Arkadij Naiditsch nach Aserbaidschan. Aber wachsen bereits neue, noch bessere heran? Das Konzept des Deutschen Schachbundes (DSB), einige Talente als „Schach-Prinzen“ besonders zu fördern, ging auf. Mit Matthias Blübaum, Dennis Wagner und Alexander Donchenko wurden drei Jugendliche nicht nur Großmeister, sondern liegen in der U18-Weltrangliste auf den Plätzen drei bis fünf! Alle drei zählen überdies bereits zu den Top 20 in Deutschland. Und es könnte noch besser kommen: Mit erst zehn Jahren sorgt Vincent Keymer für Furore. Der Knabe vom SK Gau-Algesheim ist in seinem Alter deutlich weiter als Weltmeister Magnus Carlsen. Im Juli war Keymer der bisher jüngste Teilnehmer an der U18-Europameisterschaft in Polen – und holte mit dem Quartett von Bundestrainer Bernd Vökler den Titel!
Dabei war etwas Glück dabei, denn das Nationalteam verlor gegen die schärfsten Rivalen Tschechien und die Israelis 1,5:2,5. Doch weil Letztere gleich viermal remisierten, ging Deutschland mit 10:4 Punkten doch knapp vor Israel und Tschechien (9:5) über den Zielstrich.
Den neuen Europameister führte Blübaum an, der am ersten Brett in sieben Runden stolze 5,5 Punkte sammelte. So hievt sich der Bremer Bundesligaspieler über die Schallmauer von 2600 Elo-Weltranglistenpunkten, die früher sogenannte „Super-Großmeister“ kennzeichnete. Der Hofheimer Christian Schröder gewann mit ebenfalls 5,5 Zählern den Brett-Preis an Position zwei. Thore Perske (Heidesheim) kam im polnischen Karpacz ebenso wie Keymer auf vier Punkte. Bei dem Zehnjährigen folgten auf drei Startrunden-Siege drei Niederlagen, ehe die nachstehende interessante Partie die EM erfolgreich abschloss.

W: Keymer S: Peczely
1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 4.Sc3 Lb4 5.Dc2 0–0 6.a3 Lxc3+ 7.Dxc3 d5 8.Lg5 dxc4 9.Dxc4 La6 10.Da4 h6 11.Lxf6 Dxf6 12.g3 Lb7 13.Lg2 c5 14.0–0 Lc6 15.Dc4 Ld5 16.Dd3 Sd7 17.Tfd1 Tfd8 18.Tac1 c4 19.Db1 b5 20.e4 Lb7 21.Td2 Sb6 22.Se5 a6 23.Tc3 Sa4 24.Tcc2!
24.Tf3?? sieht auf den ersten Blick sehr gut aus für Weiß und scheint den Bauern auf f7 zu gewinnen. Doch Peczely hatte darauf das starke Damenopfer Dxe5! geplant. Danach fällt die weiße Stellung auseinander wie ein Kartenhaus. Ein Beispiel: 25.dxe5 Txd2 26.b3 Tad8 27.Lf1 Td1 28.Dc2 Sc5 29.bxc4 T8d2 30.Dc3 Sxe4 31.Da5 Sg5 32.Tc3 Sh3 matt. Tac8 25.Dc1 Txd4?! De7 26.Td1 f6 27.Sg4 h5 28.Se3 h4 ergibt eine ausgeglichene Stellung. 26.Sd7! 26.Txd4 Dxe5 27.De3 Sc5 28.Tcd2 ist auch minimal besser für Weiß: Sb3 29.Td8+ Kh7 30.Txc8 Sxd2 31.Td8 Sb3. Txd7 27.Txd7 Lc6 28.Td6 De7 29.Dd1 29.e5 verspricht leichten Vorteil. Lxg2 30.Kxg2 Db7+ 31.f3 Sc5 32.b4 Sd7 33.De3 Schwarz hat Kompensation für die geopferte Qualität in Form des c4–Freibauern und Druck auf e5. Db7? Sc5! verfolgt den Plan mit Druck gegen e4 konsequent. 30.Dd4! Deckt e4 und raubt dem Springer das Feld c5. De7 31.f4 31.b3! Sb6! 32.f4 Db7 33.e5 Lxg2 34.Txb6 Df3 35.Df2 Kh7 36.bxc4 bxc4 37.Dxf3 Lxf3 38.Kf2 Le4 39.Tc3 a5 40.Ke3 Ld3 41.Ta6 gewinnt für Weiß. Lb7 Ld5! erweist sich als unerwartet gut. 32.Txa6 Sc5 33.Tb6 Lc6 34.De3 Sa4 35.Ta6 Sc5 36.Tb6 Sa4 mit Zugwiederholung und Friedensschluss! 32.b4 cxb3! 33.Txc8+ Lxc8 34.Td8+ Kh7 35.Txc8

Dxa3?? Ruiniert die von Schwarz interessant vorgetragene Partie. e5! ist für Weiß sogar sehr gefährlich. Lediglich 36.Dd3 bewahrt das Gleichgewicht: b2 37.Lh3 exf4 38.gxf4 Df6 39.Db1 Dxf4 40.e5+ g6 41.e6 De3+ 42.Kg2 Dd2+ 43.Kh1 Dd5+ 44.Kg1 (44.Lg2 Dxe6 45.Tc2 De3 ist gefahrenvoll, denn 46.Txb2 verliert: Sxb2 47.Dxb2 De1+ 48.Lf1 Dxf1 matt) Dd4+ 45.Kf1 Df4+ mit Dauerschach. Dagegen verliert nach e5! 36.fxe5? b2 37.Dd3 De6 38.Lh3! kämpft noch (38.Td8 Da2 und der b-Bauer verwandelt sich). Dxh3 39.Tc6 h5 40.e6 fxe6 41.Tc7 e5 42.Db3 h4 43.Tc2 hxg3 44.hxg3 Dxg3+! 45.Dxg3 b1D+ 46.Kg2 Dxc2+. 36.e5 b2 37.Le4+ Nach dem von Schwarz versäumten e5 kommt der Läufer ins Spiel und stoppt den lästigen Freibauern. g6 38.Lb1 38.Da7 gewinnt schneller, aber komplizierter. Kg7 39.Da8 De3+ 40.Kf1! (40.Kg2 De2+ 41.Kh3 Dh5+ 42.Kg2 De2+ mit Dauerschach) Dc1+ 41.Kg2 Dd2+ 42.Kh3 mit undeckbarem Matt. b4 39.Tc7 Da1 40.Dd3 Kg8 41.Dd8+ Kg7 42.Df6+ Kg8 43.Tc8+ und Schwarz gab auf wegen Kh7 44.Th8 matt. 1:0.

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