Russland tilgt alte Schmach ein wenig

Naiditsch – Esen: Ein Schachgebot der Extraklasse macht den Weg für Weiß frei

Von Hartmut Metz
An der Stätte ihrer größten Schlappe hat der Nach- folgestaat der Sowjetunion zurückgeschlagen: In der „Laugardalshöll“ in Reykjavik hatte der US-Amerikaner Bobby Fischer 1972 im Alleingang die Hegemonie der UdSSR auf dem WM-Thron beendet. Im „Kampf des Jahrhunderts“ schlug Fischer Weltmeister Boris Spasski. Mit einem Doppel-Erfolg bei der Mannschafts-Europameisterschaft tilgte Russland die Schmach etwas. Sowohl das Herren- wie das Damen-Team blieben ungeschlagen und sicherten sich souverän den Titel. Die deutschen Vertretungen belegten jeweils einen guten sechsten Platz. Mit 12:6 Punkten wiesen die deutschen Männer nur drei Zähler Rückstand auf den neuen Europameister und gar nur einen auf die Medaillen-Gewinner Armenien und Ungarn sowie das viertplatzierte Frankreich (alle 13:5) auf. Knapp hinter der punktgleichen Ukraine folgte die DSB-Auswahl unerwartet vor Aserbaidschan (11:7). Ein kleiner Prestige-Erfolg, denn bei dem an Position drei gesetzten Team lief erstmals Arkadij Naiditsch auf. Am ehemaligen deutschen Spitzenspieler lag es jedoch am allerwenigsten, dass sein neuer Verband hinter seinem alten landete. Naiditsch trumpfte am dritten Brett der Aseri auf und startete mit vier Siegen und drei Remis.
Seine Niederlage in Runde acht gegen den Ungarn Zoltan Almasi kostete den Baden-Badener Bundesligaspieler ein noch überragenderes Einzelresultat. Mit 5,5:2,5 Punkten zählte der 30-Jährige trotzdem zu den besten Teilnehmern auf Island.
Im letzten Duell gegen Deutschland verzichtete Naiditsch aber lieber darauf, gegen seine alten Kameraden anzutreten. Das Match endete so 2:2. Liviu-Dieter Nisipeanu unterlag an vorderster Front Schachrijar Mamedjarow. Rainer Buhmann glich dafür an Brett vier gegen Eltaj Safarli aus. Der Hockenheimer war mit 4,5:2,5 Zählern auch stärkster Akteur in dem sehr geschlossen auftretenden Quintett.
Nachstehend eine brillante Kombination von Naiditsch. In Runde vier setzte der frühere Sandweier den Türken Baris Esen mit einem Damenopfer matt.

W: Naiditsch S: Esen
1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.g3 g6 7.Lg2 Lg7 8.0–0 0–0 9.h3 Sc6 10.Le3 Ld7 11.Sde2 Tc8
Das System von Weiß sieht harmlos aus, hat es aber durchaus in sich. Schwarz bekommt nicht so leicht Gegenspiel. 12.Sd5 Sxd5 13.exd5 Sb8 Se5 sieht natürlicher aus. Allerdings hat der Springer dort ein ernstes Problem: Es fehlt an einem Rückzugsfeld nach dem weißen Bauernzug 14.b3. Nun ist Lf5 auch keine Lösung. 15.Sd4 Da5 16.Tc1! (16.f4? erlaubt den Trick Dc3 17.Lf2 Sd3! 18.Sxf5 Sxf2 19.Sxe7+ Kh8 20.De2 – oder 20.Txf2 Tc7 21.Te2 Dxa1 – Dxa2 17.g4 Ld7 18.f4 und der Springer ist weg. 14.Sd4 a5 15.Dd2 Te8 16.Tfe1 Sa6 17.Te2 b5 Dc7 ist auch spielbar. 18.Tae1 Dc4 19.a3 a4 20.c3 Sc5 21.Lg5 Sd3 22.Td1 Se5! Das funktioniert aus taktischen Gründen. 23.f4 Dc5! 24.fxe5 dxe5 25.Le3 exd4 26.Lxd4 Lxd4+ 27.Dxd4 Dd6 mit Ausgleich. 18.Tae1 b4 19.Lg5 Db6 20.c3 e5? Der erste Fehler. bxc3 21.bxc3 e5 22.dxe6 fxe6 23.h4! erweist sich als leicht vorteilhaft für den Anziehenden. Das Schlagen auf e6 bringt nichts im Gewinnsinne, weil Schwarz auch auf c3 mit dem Läufer nehmen kann. 21.dxe6 fxe6? Lxe6 ist Pflicht, weil dann nach 22.Sxe6 bxc3 als Zwischenzug noch geht.

22.Sxe6!! bxc3 23.Dd5! Die Pointe. Jetzt muss Weiß nicht auf c3 wiedernehmen und droht ein unangenehmes Abzugsschach mit dem Springer. Sb4

24.Sd8+!! Naiditsch ist nun in seinem Element! 24.Sxg7+ hätte allerdings auch gereicht: Sxd5 25.Sxe8 Sb4 (Dc5 26.Lxd5+ Kf8 27.Lh6 matt bzw. 26…Dxd5 27.Sf6+ Kg7 28.Sxd5) 26.Sf6+ Kf8 27.Te7! c2 28.Lh6 matt. Sxd5 25.Txe8+ Lf8 Lxe8 26.Lxd5+ Lf7 27.Lxf7+ Kh8 (Kf8 28.Le7 matt) 28.Te8+ Lf8 29.Lf6 matt. 26.Lxd5+ Kg7 27.T1e7+! Lxe7 28.Tg8 matt.

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