„Zeit-Schachwunder“: Neuer Band bündelt 120 köstliche Anekdoten und Aufgaben

Cebalo – Wasjukow: Weiß zaubert ein selten schönes Matt in (spätestens) 3 Zügen aufs Brett

Von Hartmut Metz

In der aktuellen Meko stellt Hartmut Metz den neuen Sammelband “Zeit-Schachwunder” vor. Unter den 120 Aufgaben aus der beliebtesten deutsche Schachkolumne findet sich auch eine Kombination des Kuppenheimer Autors selbst! Schon wieder macht das Blitzduell gegen Michael Lorenz die Runde, die als elftes Kapitel in der Edition-Olms-Neuerscheinung erscheint. Hier der Link zur Aufgabe, die erst vor Kurzem auf der Rochade-Homepage wegen einer anderen Veröffentlichung gezeigt wurde.

Christoph Brumme hat in der populären Buchreihe „111 Gründe … zu lieben“ zunächst dargelegt, warum er das Radfahren mag. In seinem nächsten Werk bei Schwarzkopf & Schwarzkopf fielen ihm auch „111 Gründe, Schach zu lieben“ ein. Kapitel 95 schmeichelt einem besonders, wie er unumwunden zugibt: Helmut Pfleger. Der Münchner Mediziner ist nicht nur Großmeister, sondern der „Großwerber“ des Schachs. Mit seiner Kolumne im Magazin der „Zeit“ erreicht der 72-Jährige wöchentlich neben fanatischen Klubmitgliedern vor allem auch zahlreiche Hobbyspieler fern der Vereine! Brumme listet deshalb in seiner „111er“-Liebeserklärung an das königliche Spiel als Grund Nummer 95 auf: „Weil Helmut Pfleger so spannende Schachkolumnen schreibt.“
Die erschienen nun wieder gesammelt: „Zeit-Schachwunder“ bündelt 120 der unterhaltsamsten Kolumnen aus den Jahren 2009 bis 2015. Das neueste Pfleger-Werk aus dem Schweizer Verlag Edition Olms (144 Seiten, 16,80 Euro) entpuppt sich wieder als Fundgrube – jede Aufgabe ist spektakulär. Genauso gefallen die einleitenden kurzen Texte dazu, mit denen der Münchner Großmeister immer wieder aktuelle oder historische Anekdoten zum Besten gibt.
Ein Beispiel: Ausgerechnet der militante Nichtraucher Aaron Nimzowitsch gewann einmal für die schönste Partie des Turniers 5 000 Zigaretten! Da sei der Däne wohl „wenig erfreut“ gewesen, mutmaßt Pfleger und schiebt gleich die Geschichte nach, als Jefim Bogoljubow es einst im Duell mit Nimzowitsch wagte, eine dicke Zigarre neben das Brett zu legen – was einen Protest geradezu herausforderte. „Die Beschwichtigung des Schiedsrichters, dass dieser doch noch gar nicht rauche, ließ Nimzowitsch nicht gelten: ,Aber er droht zu rauchen! Und bekanntlich ist beim Schach die Drohung stärker als die Ausführung!’“, verwies der hypermoderne Dogmatiker auf einen berühmten Lehrsatz – auch wenn wieder einmal viel Rauch um nichts gemacht wurde.
Unter dem Titel „Cebalos Unsterbliche“ präsentiert Pfleger eine wundervolle Kombination von der Mannschafts-Europameisterschaft der Senioren anno 2014. Miso Cebalo bezwang dabei den Russen Jewgeni Wasjukow. Die Partie ist schon allein deshalb außergewöhnlich, weil ein Großmeister den anderen in nur 13 Zügen schlug. Brillant macht die ganze Angelegenheit aber erst ein geniales Damenmanöver des Kroaten. En passant weiß Pfleger auch hier Ungewöhnliches zu berichten: Weniger, dass Wasjukow als Sekundant von Weltmeister Anatoli Karpow fungierte. Mehr, dass der Sieger des riesenstarken Turniers in Manila 1974 „dieselbe Frau dreimal heiratete – das muss ihm erst einmal einer nachmachen“. Genauso wie Cebalo diesen herrlichen Mattangriff!

W: Cebalo S: Wasjukow
1.d4 f5 2.Lg5!? Ein interessanter Zug, um die schwarze Entwicklung etwas zu erschweren. g6 Sf6 ist in Ordnung, aber viele Spieler mögen den Doppelbauern nicht. 3.e3 Sh6 4.h4 Sf7 5.Lf4 d6 6.Sf3 Sd7?! Lg7 ist eher geboten. Die Springer-Entwicklung kann auch noch später erfolgen. 7.Lc4! Der Läuferzug bereitet eine tiefe Kombination vor. 7.h5 setzt auf direkte Konfrontation. e6 8.hxg6 hxg6 9.Txh8 Sxh8 10.Sg5 Sf6 beschert Weiß aber nur eine leicht bessere Stellung. Lg7?? Ein unmerklicher Fehler! c6 muss geschehen. 8.Lxf7+ Kxf7 9.h5 (9.Sg5+ Kg8 10.Se6 bringt nichts wegen Db6 mit Ausgleich) Lg7 10.Dd3 Sf8 11.Sg5+ Ke8 12.Db3 d5 13.Sd2 h6 14.Sgf3 g5 15.Le5 Tg8 16.Lxg7 Txg7 17.0–0–0 Db6 und Weiß steht deutlich besser. 8.Lxf7+! Kxf7 9.Sg5+ Kf6 Was sonst? Ke8 verliert genauso wie Kf8 die Dame nach 10.Se6. Und 9…Kg8 zieht wegen 10.Se6 De8 11.Sxc7 Dd8 12.Sxa8 den Kürzeren. 10.Sc3 c6 11.Df3! Bei dem Zug hatte Cebalo das grandiose Ende sicher schon im Visier. e5? Da5 hält das Unglück nur kurzfristig auf: 12.0–0–0 e5 13.dxe5+ dxe5 14.De2! Sf8 15.Dd2! (15.Dc4 Le6 16.Sxe6 Sxe6 17.Lg5+ Sxg5 18.hxg5+ Ke7 – oder Kxg5 19.Dh4 matt – 19.g4 Thd8 20.Txd8 Txd8 21.Txh7 Kf8 22.gxf5 gxf5 23.De6 Dc7 24.Dxf5+ und die zwei Mehrbauern entscheiden) Ke7 (exf4 16.Sce4+ fxe4 17.Dxa5 kostet die Dame) 16.Dd6+ Ke8 17.Td5! cxd5 18.Sxd5 Dd8 19.Sc7+ Dxc7 20.Dxc7 und leichtem Gewinn.

Weiß setzt in drei Zügen matt!

12.Dd5!! Cebalo droht ein Matt auf e6 oder f7. De7 cxd5 gestattet das wundervolle Finale durch 13.Sxd5 matt.

13.Sxh7+! 1:0. Schwarz gab auf wegen Txh7 14.Lg5 matt.

Partie online:

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