Iwantschuk – Vachier-Lagrave: Schwarz forciert Remis – ohne Eile

Und täglich Brot für die Großmeister: Turnier in Gibraltar ein Fest
Von Hartmut Metz
Die Berberaffen sind nicht weit, wenn Spieler auf dem Felsen ein Schachbrett aufbauen und Nüsse bereit- halten. Rasch lassen sich die putzigen Gesellen als „Fotomodelle“ einspannen – klauen diesen Touristen in Gibraltar aber gerne auch mal eine Figur. Die Turnier- organisatoren halten für solche Fälle „mehrere Ersatzspielsätze bereit“, berichtet das „Schach-Magazin 64“ in seiner aktuellen März-Ausgabe. Aber nicht nur die Berberaffen wissen sich ihr täglich Brot in der britischen Enklave zu sichern – für Schachprofis ist das alljährliche Open ein Fest: Rund 200000 Euro Preisgeld machen das zehnrundige „Masters“ zu einem der am höchsten dotierten offenen Turniere in der Welt. Deshalb ließen sich heuer 68 Großmeister und 39 Internationale Meister anlocken. Die Organisatoren um Großmeister Stuart Conquest vergessen dabei auch nicht die Damen. Mit 50000 Euro an Spezialpreisen für das „schwache Geschlecht“ lobt das Tradewise Open mehr als jedes andere privat organisierte Turnier auf dem Globus aus. Den ersten Preis sicherte sich diesmal Marija Musitschuk. Die Baden-Badener Bundesligaspielerin kam wie ihre ukrainische Landsmännin Natalia Schukowa auf stolze 7:3 Zähler, was Platz 19 im Gesamtklassement bedeutete.
Das ganze Turnier über führte Wassili Iwantschuk. Das Genie mit den schwachen Nerven holte acht Punkte. Der 44-Jährige kam in der Schlussrunde gegen den viertplatzierten Franzosen Maxime Vachier-Lagrave (7,5:3,5) nicht über ein Remis hinaus. So konnten der Russe Nikita Witjukow und Iwan Tscheparinow zu dem Ukrainer aufschließen. Weil es bei Punktgleichheit Stichkämpfe im Schnell- schach gibt, konnte der Bulgare Tscheparinow trotz seines durchwachsenen Starts noch die 20000 britischen Pfund als Siegprämie einstreichen. Nachstehend das letzte Duell des „gefühlten Siegers“ Iwantschuk gegen Vachier-Lagrave.

W: Iwantschuk S: Vachier-Lagrave
1.Sf3 Sf6 2.c4 c5 3.g3 g6 4.Lg2 Lg7 5.0–0 0–0 6.d4 cxd4 7.Sxd4 Sc6 8.Sc3 Da5 Sxd4 9.Dxd4 d6 galt jahrzehntelang als Standard, kommentiert Otto Borik im neuen „Schach-Magazin 64“. Doch in jüngster Zeit „blitzte mit Da5 eine Idee auf – und sie wird zunehmend populärer“, schreibt er. 9.Sb3 Dh5 Ein interessanter Schwenk mit der Dame! Erst jetzt will der Nachziehende d6 nebst Lh3 und Sg4 mit Angriffschancen spielen. 10.h3 d6 11.g4 Den Zug schlagen Schach-Programme auch furchtlos vor. Die beiden Weltklasse-Großmeister sind natürlich gut vorbereitet und folgen der Analyse des Rechners. 11.e3 ist eine andere Möglichkeit: Dxd1 12.Txd1 Le6 13.c5 d5 14.Sd4 mit ausgeglichener Stellung. Lxg4! De5 12.Sd5 Tb8 13.Dc2 Sxd5 14.cxd5 Sb4 15.Dd2 Sa6 führt ebenso zu gleichen Chancen. 12.hxg4 Sxg4 13.Lf4! Die Standardfortsetzung. 13.Te1 scheitert an dieser Stelle. Der König hat zwar wie immer beim Läuferfianchetto das Fluchtfeld auf f1 – doch Schwarz kann hier zusätzlich den Punkt f2 unter Beschuss nehmen: Dh2+ 14.Kf1 Dh4 15.Se4 (15.Le3? Lh6 16.Ld4 Sxd4 17.Dxd4 e5) f5 16.Sg3 f4 17.Se4 Se3+! 18.Lxe3! (18.fxe3? fxe3+ 19.Kg1 – oder 19.Lf3 Dh1 matt – Le5 20.Dd5+ Kh8 Schwarz setzt danach in allen Varianten matt. 21.Lf3 Dh2+ 22.Kf1 Dh1 matt) fxe3 19.Dd5+ Kh8 20.Dg5 Txf2+ 21.Kg1 Dxg5 22.Sxg5 Lxb2 23.Tab1 Lc3 24.Tf1 Txe2 25.Sc1 Tb2 26.Txb2 Lxb2 27.Tf7 Lg7 28.Lxc6 bxc6 29.Txe7 sollte letztlich im Remis versanden. Le5 14.Dd2 g5 15.Lxe5 Scxe5 16.Tfc1 Die Stellung kam bereits in mehreren Partien vor. f5!? Eine neue Idee des Franzosen, der den Angriff beleben will. Sxc4 17.Dd3 Sce3! 18.fxe3 Dh4 19.Sd5 Df2+ 20.Kh1 Dh4+ 21.Kg1 Df2+ 22.Kh1 Dh4+ führte in Zhou Jianchao – Matlakow, Kasan 2013, zum Remis. 17.Sd4 Dh2+ 18.Kf1 Sxf2! Andere Züge reichen nicht. 19.Kxf2 Erzwingt eine Zugwiederholung. Iwantschuk hätte stattdessen 19.Sf3 Sxf3 20.exf3 probieren können. Aber Se4!? 21.De3 g4 22.Tc2 Sg3+ 23.Ke1 f4 24.Df2 Sh1 25.Lxh1 Dxh1+ 26.Df1 Dh4+ 27.Kd2 g3 ist schwer abzuschätzen und bietet Weiß unter Zeitdruck in einer Turnierpartie genügend Gelegenheiten, sich zu vergreifen. 19.Dxg5+ Kh8 20.Kxf2 Sg4+ 21.Ke1 Dg1+ 22.Lf1 Df2+ 23.Kd1 Dxd4+ 24.Kc2 Se3+ 25.Kb1 Tf7 ist für Vachier-Lagrave chancenreicher, gleichwohl sich die Stellung noch im Gleichgewicht befindet. Sg4+ 20.Kf1 f4 21.Dd3

Dh4! Nur so. Das verlockende Se3+? 22.Ke1 Dxg2 23.Kd2 evakuiert den König. Anschließend greift Weiß an. 22.Sd1 22.Se4 führt zum selben Ergebnis: Se3+ 23.Kg1 Dg4 24.Kf2 Dh4+ 25.Kg1 Dg4 26.Kf2 mit Zugwiederholung. Se3+ 23.Sxe3 fxe3+ 24.Kg1 Df2+ 25.Kh1 Dh4+ 26.Kg1 Df2+ 27.Kh1 Dh4+ remis.


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