Magnus Carlsen hat „extrem viel Glück“ in der sechsten WM-Partie

Carlsen – Anand: Schwarz zieht – und Weiß hat „extrem viel Glück“

Von Hartmut Metz
Der dickste Patzer ist es nicht in der WM-Geschichte gewesen – aber der erste, der eine Gewinn- direkt in eine Verluststellung verwandelte. Darauf verweist Garri Kasparow – und der Ex-Weltmeister mit kroatischem Pass dürfte es genau wissen: Schließlich hat er eine Buch-Reihe über seine Vorgänger verfasst. Sein kurzzeitiger Schützling Magnus Carlsen hat im WM- Match gegen Viswanathan Anand einen fürchterlichen Fehler begangen. Doch sein indischer Herausforderer war ebenfalls wie vernagelt und ließ die einmalige Chance auf die Führung im WM-Duell ungenutzt verstreichen. Beide Spieler entdeckten das Malheur erst, als sie „ihren Zug ausführten“, gestanden sie. Unglaublich, denn Anand hätte wohl in 99 von 100 Blitzpartien die taktische Möglichkeit sofort erkannt und genutzt. Nachdem Carlsen der Atem stockte während des Wartens auf des Gegners Antwort, konnte der 23-Jährige danach aufatmen und seine weiterhin überlegene Position doch zur 3,5:2,5-Führung in Sotschi verwerten. „Wenn der Springer auf e5 schlägt, hätte mich das den WM-Titel kosten können“, wusste der Norweger bei dem mit 1,5 Millionen Dollar dotierten Wettkampf und schob nach, „ich hatte extrem viel Glück!“ Der Weltranglistenzweite Fabiano Caruana twitterte als Beobachter im Web: „Schockierende Patzer … Vishy wird heute Nacht nicht schlafen können.“
Carlsens glückliche Führung hat dank der drei folgenden Remis Bestand. 5:4 hieß es für ihn nach neun Partien. Sollte Anand in dem Match über zwölf Partien noch der Ausgleich gelingen, gibt es eine Schnellschach-Verlängerung. Ansonsten hat ihn das nachstehende Duell aus der sechsten Runde, die Rückkehr auf den WM-Thron gekostet.

W: Carlsen S: Anand
1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 a6
Die Kan-Variante. Sc6 ergibt die noch populärere Taimanow-Variante, die nach dem ehemaligen sowjetischen WM-Kandidaten und Komponisten Mark Taimanow benannt ist. 5.c4 Sf6 6.Sc3 Lb4 7.Dd3!? 7.Ld3 Sc6 8.Sxc6 dxc6 9.e5 Da5! 10.exf6 Lxc3+ 11.bxc3 Dxc3+ 12.Ld2 Dxd3 13.fxg7 Tg8 14.Lh6 Dxc4 15.Dd6 Dc3+ 16.Ke2 Dc4+ 17.Ke1 Dc3+ 18.Ke2 kann zum Remis führen. 7.f3 taugt nicht viel und schwächt nur die schwarzen Felder. 7…Dc7 8.Lg5 Sc6 mit Ausgleich. 7.e5?! Se4 8.Dg4 Sxc3 9.a3 (9.Dxg7?? Sa4+ 10.Kd1 Tf8–+) Lf8 10.bxc3 Da5 11.Dg3 d6 12.exd6 Lxd6 13.Dd3 0–0 ist im Sinne von Schwarz. Sc6 Dc7 kommt ebenso in Betracht. 8.a3 Lxc3+ 9.Dxc3! Schwarz darf jetzt nur nicht auf den Trick hereinfallen und Sxe4? spielen. 10.Sb5!! axb5 11.Dxg7 Tf8 12.Lh6 Dc5 (Dd6 13.cxb5 b6 14.Tc1 Lb7 15.f3 Sc5 16.b4 Sb3 17.Tc7! Ta7 18.Ld3 f6 19.Dxf8+ Dxf8 20.Lxf8 Kxf8 21.0–0 Sd4 22.a4 Ke8 23.a5+–) 13.f3!! (13.Dxf8+ Dxf8 14.Lxf8 Kxf8 15.cxb5 ist für Schwarz etwas besser) bxc4 14.Lxc4! Noch besser als das Nehmen auf e4. Der Springer hat schließlich kein gutes Feld. Sf6 15.Dxf6 Tg8 16.Ld3±. 8.Sxc6 dxc6 bxc6 9.a3 Lxc3+ 10.Dxc3 spielt sich für Weiß angenehm. 9.Dxd8+ Das ist die Pointe des Damenzugs nach d3: Weiß kann die Damen tauschen. 9.e5 Dxd3 10.Lxd3 Sd7 mit Ausgleich. Kxd8 10.e5 10.Ld3 e5! und Schwarz hat keine Sorgen. Sd7 Se4 11.a3! Lxc3+ 12.bxc3 Kc7 (Sxc3? verbietet sich wegen 13.a4! Se4 14.Le3± f6 15.Ld3 Sg5 16.exf6 gxf6 17.Td1 Ke8 18.f4 Sf7 19.0–0 Sh6 20.Lc5 Weiß hat für den Bauern das deutlich bequemere Spiel. Die schwarzen Kräfte stehen durchweg passiv.) 13.Le3. 11.Lf4 Lxc3+ 12.bxc3 Kc7 13.h4! Carlsen nimmt g5 aus der Stellung, so dass der Läufer den e5–Bauern verteidigen kann. Zudem droht der Bauer den Königsflügel des Gegners einzuengen. b6 14.h5 h6 15.0–0–0 15.Td1!? könnte stärker sein, weil der König nachher ohnehin wieder auf den Königsflügel strebt. Lb7 16.Td3 c5 17.Tg3 Tag8 18.Ld3 Sf8 19.Le3 g6 Das Programm „Komodo“ schlägt die Befreiungsaktion auch vor. Macht Anand nichts, verstärkt Weiß einfach seinen Druck mit einem weiteren Turm auf der g-Linie und erobert g7. Ein Beispiel: Lc6 20.Th4 Ld7 (Lb7? 21.Tf4) 21.Thg4 g6 22.hxg6 Sxg6 23.Lxg6 fxg6 24.Txg6 Txg6 25.Txg6 h5 26.f4±. 20.hxg6 Sxg6 fxg6? 21.Txh6 und Schwarz büßt bald auch den g6–Bauern ein. 21.Th5! Nimmt jegliches Gegenspiel aus der Stellung. 21.Txh6? erlaubt Sxe5! 22.Lf4 (22.Txh8 Sxd3+ 23.Kd2 Txh8 24.Kxd3 Td8+ 25.Ke2 Le4 26.Lf4+ Kc6 Schwarz steht etwas besser) Txg3 23.Lxe5+ Kd7 24.Txh8 Txd3 mit Ausgleich. Lc6 22.Lc2 Carlsen laviert geduldig und zieht den Läufer vom gefährdeten Feld d3 weg. 22.f4? wäre so zum Beispiel völlig verfehlt: Sxe5! 23.Txg8 Sxd3+ 24.Kd2 Txg8 25.Kxd3 Txg2 26.Txh6 Txa2 27.Th7 Le8 28.f5 exf5–+. Kb7 23.Tg4?! 23.Kd2 ist präziser. Se7 24.Txg8 Txg8 25.g3 Lf3 26.Txh6 Td8+ 27.Kc1 Sc6 28.Tf6 Lh5 29.g4 Lxg4 30.Txf7+ Kc8 31.Lg5 Tg8 32.Lf6±. a5 24.Ld1 Td8 25.Lc2 Tdg8

26.Kd2??

Ein unglaublicher Fehler für einen Spieler von Carlsens Güte – zumal er in den Zügen zuvor stets taktische Drohungen auf e5 sah und aus der Stellung nahm. Mit dem Rückzug 26.Tg3 verhindert Weiß den Konter. a4?? Noch unglaublicher, dass Anand den Patzer ungenutzt lässt! In 99 von 100 Blitzpartien hätte der Inder die taktische Möglichkeit erkannt. Doch diesmal ist er wie vernagelt – während Carlsen auf Kohlen saß und mittlerweile erkannt hatte, was er anrichtete. Sxe5! 27.Txg8 Sxc4+ 28.Kd3 Sb2+ Rettet den Springer, so dass nach 29.Kd2 Zeit bleibt für Txg8 30.g3 Sc4+ 31.Ke2 Sa3! 32.Ld3 (32.Lh7 Td8 33.Txh6 Ld5 34.Tf6 Td7 35.Lg8 e5 36.Lh7 Lxa2 37.Le4+ Ka7–+) Td8 33.Txh6 Lf3+ 34.Kxf3 Txd3 35.Th7 Td7 und Schwarz sollte dieses Endspiel mit Mehrbauer sicher verwerten. 27.Ke2 Selten dürfte sich Carlsen so über die Möglichkeit zu einem Königszug gefreut haben! a3 28.f3 Td8 29.Ke1 29.Lxg6 ist bereits möglich, doch Carlsen übereilt weiter nichts. 29…fxg6 30.Txg6 Le8 31.Tg7+ Td7 32.Txd7+ Lxd7 33.Txh6 Txh6 34.Lxh6 La4 35.Lc1 Lc2 36.Lxa3 Lb1 37.g4 Lxa2 38.Kd3 Kc7 39.Lc1 Kd7 und Anand darf hoffen, dass die ungleichfarbigen Läufer ihm ein Remis retten. Td7 30.Lc1 Ta8 31.Ke2 La4 Der Zug war die Hauptidee des Bauernvormarschs nach a3: Schwarz will den weißfeldrigen Läufer abtauschen. 32.Le4+ Lc6? Der natürliche Zug verliert. Ka7! Das Qualitätsopfer leistet mehr Widerstand, weil der weißfeldrige Läufer aktiv wird. 33.Lxa8 (33.Lxg6 fxg6 34.Txg6 Lb3! 35.axb3 (35.Lxa3? Lxc4+) a2 36.Lb2 Tad8 37.Ke3 Td2 38.Tg7+ Ka6 39.Tg8! T8d3+ 40.Ke4 Td7 41.Ta8+ Ta7 42.Txa7+ Kxa7 43.Txh6 Txb2 44.Th7+ Ka6 45.Th8 reicht Weiß noch mit knapper Not zum Remis) Kxa8 und die schwarzen Figuren sind plötzlich alle aktiv. 34.Txh6 Td1 35.Lxa3 Ta1 36.Ke3 Sxe5±. 33.Lxg6! fxg6 34.Txg6 La4 Tad8 35.Thxh6 Td1 36.Lg5 T8d7 37.Txe6+–. 35.Txe6 Td1 36.Lxa3 Ta1 37.Ke3 Lc2 38.Te7+ Anand gab auf, denn nach Ka6 39.Txh6 Ka5 (Txa2 40.Lxc5) 40.Tc7 Txa2 41.Lc1 Lb3 42.Th8! Ta6 43.e6 Lxc4 44.e7 Te2+ 45.Kf4 Lb5 46.g4 entscheiden die Freibauern. 1:0.

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