„Schwärmütiger“ Schach-Dino wird 70

Hort – Minic: Weiß brilliert mit ‚Matt in Vier‘

Beliebter Kommentator: Vlastimil Hort als „Soldat Schweijk“
Von Hartmut Metz
„Man hat immer Angst – wir sind zu materialistisch!“ Vlastimil Hort kleidet seine Analysen gerne in philosophische Sätze. Besonders, wenn sie seine „Schwermut“ bestätigen. In seinem böhmischen Sing- sang klingt die „Schwärmut“ noch niederdrückender, als sie eh schon ist. Beim heute endenden 16. Schachfestival in Basel ist ihm mittlerweile die „Teilnahme wichtiger als der Sieg, obwohl ich natürlich in jeder Partie gewinnen will“. Schließlich sei Schach für ihn „eine wunderbare Droge geworden“. Wie die berühmte Filmfigur aus seiner Heimat, will er, der brave Schach-„Soldat Schwejk“, daher seinen ganzen Mut zusammennehmen und „ohne Angst spielen“. Eine verwunderliche Aussage für den beliebten Kommen- tator, der einst zur Weltspitze zählte. Die sonst so übliche „Schwärmut“ befällt Hort nicht, wenn es um die Weltmeisterschaft geht. „Nein, weil ich ein Realist bin, wusste ich, dass es für den WM-Titel nicht reicht“, befindet der Oberhausener im Rückblick, auch wenn der gebürtige Tscheche in seinen „besten Jahren selten eine Turnierpartie verlor. Irgendetwas fehlte mir – was, weiß ich leider nicht, das wissen nur die Schachgötter“.

„Schach-Dino“ GM Vlastimil Hort

Hort, der am 12. Januar seinen 70. Geburtstag feiert, stand aber während seiner besten Zeiten in den Top Ten. Nur ein paar Sekunden fehlten dem Ausnahmekönner 1977 zu seinem größten Triumph auf dem Weg ins WM-Endspiel: In der 15. von 16 Partien im Kandidaten-Viertelfinale konnte der Außenseiter gegen Boris Spasski mit 8:7 in Führung gehen – doch in haushoher Gewinnstellung überschritt Hort im 35. Zug die Bedenkzeit gegen den Ex-Weltmeister und verpasste mit einem 7,5:8,5 das Halbfinale.
Für das unglückliche Aus würde Hort heute mit den so beliebten Fairplay-Trophäen überschüttet werden! Der während des langen Zweikampfs erkrankte Spasski verbrauchte seine ganzen freien Tage, ohne richtig gesund zu werden. Hort nutzte das indes nicht durch kampflose Siege aus, sondern schöpfte sein Kontingent für den Russen aus und nahm frei. Spasski konnte so das Match fortsetzen.
Die Ambitionen des Großmeisters zerbarsten kurz nach der großen Geste noch mehr, als er mit dem Politsystem im Osten brach. „Mein Weg nach Deutschland war meine endgültige Abrechnung mit dem Kommunismus. Es hat auch meine Schachkarriere beeinflusst“, sagt Hort jetzt nur noch lapidar dazu (Fortsetzung in der nächsten Schachspalte).
Die Partie gegen den Jugoslawen Dragoljub Minic beim Zonenturnier 1967 in Halle zählt Hort zu den schönsten seiner Karriere. Das Finale ist brillant. Seine schwärzeste Stunde erlebte Hort in der 15. Partie gegen Spasski. (Partie downloadbar und im Viewer nachspielbar)

W: Hort S: Minic
1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Le2 0–0 6.Lg5 c5 7.d5 h6 8.Le3 Kh7 9.Sf3 Te8 10.0–0 Sbd7 11.Dc2 e6 12.dxe6 Txe6 13.Tad1 De7 14.Tfe1!? 14.Sd2 Se5 15.Sd5 Dd8 16.f4 Seg4 17.Sxf6+ Sxf6 18.Lf3 verschafft Weiß ein leichtes Plus. Seine Figuren sind weit harmonischer als die des Gegners aufgebaut. Sxe4 15.Sd5! 15.Sxe4 Txe4 bringt dem Anziehenden nichts, weil 16.Txd6 an Txe3 17.Txd7 Txe2 18.Txe7 Txc2 mit Figurenverlust scheitert. Dd8 Ansonsten folgt eine Springergabel auf c7. 16.Ld3 f5? Ein positioneller Fehler, der die Königsstellung schwächt. 17.Sf4! Diesen sehr starken Zug könnte Minic übersehen haben. Te8 18.Lxe4! Txe4 19.Txd6 Dc7? Lf8! ist zäher, sollte jedoch auch verlieren: 20.Se6 De7 21.Sxf8+ Sxf8 22.Dd2 Se6 23.Td1 Sd4 24.Txd4 cxd4 25.Lxh6 Kg8 (Le6?? lässt die Springergabel 26.Sg5+ zu. Kxh6 27.Sxe4+ g5 28.Sg3 Td8 29.h4 Df6 30.Te1 Lc8 31.Se2 Te8 32.Td1 Te4 33.hxg5+ Dxg5 34.Sxd4 und Weiß verfügt über zwei Mehrbauern) 26.Sxd4 Zwei Bauern, die offene schwarze Königsstellung die Dominanz auf den schwarzen Feldern geben Weiß mehr als Kompensation für die geopferte Qualität auf d4. 20.Txg6! Hort steht auf Gewinn. Txf4?! 21.Lxf4 Dxf4

22.Txg7+ Kxg7 23.Dc3+ Sf6 Kg8 24.Te8+ Kf7 25.Dh8 Dc1+ 26.Se1 Dg5 27.h4 Dg7 (oder Dg6 28.Sd3! b6 29.Se5+! Sxe5 30.Df8 matt) 28.Te7+! Kxe7 29.Dxg7+ und nach dem Damengewinn für Turm und Läufer hat der Anziehende leichtes Spiel; 23…Kf7 hat 24.Dh8 b6 (Sf6 25.Se5+ Dxe5 26.Txe5) 25.De8+ Kf6 26.Te6+ Kg7 27.Tg6+ Kh7 28.Dg8 matt zur Folge. 24.Te7+ Kg6 25.Se5+ Kh5 26.Tg7! Le6 27.Dh3+ Dh4

hort-minic

28.Sg6!! 1:0. Minic gab wegen des wunderbaren Matts nach Dxh3 29.Sf4+ Kh4 30.g3+ Dxg3+ 31.hxg3 auf.


pgn-Download

gepostet unter: Kolumne von Gerhard Gorges | 0 Kommentare | nach oben
Diesen Beitrag ausdrucken
Schlagwörter: ,
 
 

Wenn sie mögen, können sie gerne einen Kommentar abgeben oder den Newsfeed abonnieren um künftige Beiträge zu erhalten.

Kommentar abgeben

(required)

(required)