Rochade-Jugendtrainer Thomas Braun löst mit Anfängerkursen Begeisterung aus / Ungewöhnlich hohe Frauenquote

Die Senioren lauschen beim Schachkurs gut gelaunt den Ausführungen von Thomas Braun (stehend, links) und aktivieren eifrig ihre grauen Zellen.

„Wer sieht eine Möglichkeit zur Gabel?“, fragt Thomas Braun fröhlich in die Runde. Die angesprochene betagte Dame sticht mit ihrer Dame erst auf Umwegen zu, bevor die „Gabel“ kommt. „Die kann doch gleich aufs Feld g2“, stellen plötzlich alle fest. Braun gibt nicht etwa einen Kochkurs, bei dem die Senioren beherzt mit ihrer Gabel in die Töpfe greifen, sondern zwei Schachkurse. Wenn dabei Springer tückisch zuschlagen, nennt sich das im Fachjargon „Gabel“. Das ist schon ein bisschen höhere Mathematik auf den 64 Feldern. Die ersten niedrigeren Weihen haben die eifrigen Teilnehmer bereits zuvor erhalten: „Wir haben die Aufgaben des Bauerndiploms besprochen“, berichtet Braun von der ersten der drei Prüfungsstufen für angehende Jugendspieler, die im Turm- und dem Königsdiplom gipfeln. Normalerweise beschäftigt sich der Gaggenauer donnerstags mit dem Nachwuchs der Rochade Kuppenheim. Vor einem Vierteljahr wollte der umtriebige Jugendleiter auch einmal die ältere Generation ansprechen – und ist von der „enormen Resonanz“ überwältigt.
„Ich hätte den Kurs auch für nur vier Interessierte gemacht – da sich jedoch fast 30 anmeldeten, verteilte ich die Senioren auf zwei Kurse.“ Die eine Gruppe startet nun mittwochs um 16 Uhr im Alten Kindergarten, die zweite kommt von 17.30 bis 19 Uhr ins Vereinsheim der Rochade.
Gibt es große Unterschiede zu den Anfängerkursen und den Schul-AGs, mit denen Braun einst in Oberweier seine Lehrtätigkeit begann? „Neee“, schüttelt er den Kopf, „die älteren Semester sind nur ruhiger.“ Nach einem kurzen Lachen besinnt er sich jedoch und ergänzt mit Blick auf manches hyperaktive Kind: „Die Senioren klettern auch nicht die blauen Säulen hier im Klubraum hoch.“ Zweierlei fiel ihm zudem auf: Der Frauenanteil ist ungewöhnlich hoch, „fast halbe-halbe, ganz anders als sonst“, zeigt sich Braun verwundert, denn üblicherweise ist nur etwa jedes 14. Mitglied in Schachvereinen weiblich.
Angesichts der hohen Frauenquote in seinen Seniorengruppen verwundert es wenig, dass auch mehrere Ehepaare teilnehmen. Heidi und Will Gerstner bezeichnen sich als „blutige Anfänger. Wir haben noch nie am Brett gesessen, aber es hat mich schon immer interessiert, es einmal damit zu versuchen“. Die beiden Gausbacher meinen unisonso: „Es macht Spaß, aber manchmal ist es schwer. Zuweilen sitzen wir abends daheim und fragen uns, war das richtig, was wir da gerade zogen?“ Der 65-jährige Willi Gerstner findet, die neue Betätigung habe ihm geistig „schon viel gebracht“. Seine sieben Jahre jüngere Gattin „fasziniert das Überlegen und das Aufpassen“, das nötig ist, um im Figurenwirrwarr den Überblick zu behalten. Sind sonst die Männer die besseren Schachspieler, gilt im Hause Gerstner: „Eigentlich hast Du mehr gewonnen als ich!“, deutet Willi auf seine bescheidene Heidi, die das anzweifelt.
Bei Wally Schulz-Leßnerkraus und Herbert Leßnerkraus scheinen die Kräfteverhältnisse anders verteilt. „Er ist der bessere Stratege – aber Herbert ist großzügig, weshalb ich nicht jede Figur ziehen muss, die ich berühre“, erweist sich die Kesseldorferin als dankbar. Die 64-Jährige freut sich, mit ihrem Gatten im „Winter nun eine schöne gemeinsame Beschäftigung“ zu haben, die überdies „sehr viel Spaß macht und ein wahres Gedächtnistraining für uns ist“. „Schön sind auch die Erfolgserlebnisse, wenn man eine Kombination auf den 64 Feldern erkennt“, ergänzt Leßnerkraus.
Dass das Interesse beider Elsässer mehr als Lippenbekenntnisse sind, belegt die Geschichte, wie sie zum Schachkurs von Braun fanden: „Wir reißen immer aus dem Badischen Tagblatt alles raus, was wir interessant finden und machen wollen. Ich entdeckte den Artikel über den Schachkurs, ließ aber drin in der Zeitung, um zu sehen, wie Herbert reagiert.“ Der 79-Jährige riss den Artikel aus – danach war die Sache für beide geritzt …
Ob der Lobeshymnen für den Kursleiter – „Wir sagen merci, Herr Braun macht das super!“ – wird der umtriebige Geschäftsführer eines Gaggenauer Bäckerei-Handwerksbetriebs die Senioren sicher weiter betreuen. „Nach all den Anfragen und Bitten gründen wir vielleicht sogar bei der Rochade Kuppenheim eine Seniorengruppe“, kann sich Braun vorstellen. Der 49-Jährige will nach dem Abschlussturnier am zehnten Abend auch gleich einen neuen Anfängerkurs für Senioren ins Leben rufen.