Beim heutigen DWZ-Plus geht es nicht um die punktuelle Schärfung einer bestimmten Wahrnehmung (Doppelangriff, Transformation, Einschränkung, etc.), sondern um eine übergreifende Sichtweise auf das Schachspiel. Ziel ist es, das schachliche Denken von Meisterspielern im Verlaufe einer Partie verständlich zu machen. Zugrunde liegt eine tiefsinnige, anspruchsvolle Partie aus der Schweizer Schachliga, mit einer Vielzahl von Ideen. Die drei Gewinnmethoden kommen genauso zur Sprache wie die Analyse eines komplizierten Turmendspiels. Insofern ist dieses DWZ-Plus eine Zusammenfassung von mehreren DWZ-Plus der vergangenen Wochen und Monate. Wenn Sie ihre DWZ ernsthaft verbessern wollen, empfehle ich Ihnen diese Partie mehrfach in einem gewissen zeitlichen Abstand durchzuspielen. Durch das bessere Verständnis werden Sie zwar nicht direkt ihre DWZ verbessern, aber Sie legen die Grundlage für eine neue Sichtweise auf das Schachspiel. Und dies ist nach Ansicht vieler führender Schachtrainer der Schlüssel zur Verbesserung der Spielstärke eines jeden Schachspielers. Nun aber viel Spaß beim Durchspielen! (Patrick Karcher)
PS: Als kleines Bonbon lernen Sie eine Damuwage kennen (Stellung nach 36-ten Zug von Weiß)! Drei Extrabilder helfen bei dem Blick auf die Damuwage.

damuwage1
 
damuwage2
 
damuwage3
 
[Event „Winterthur – Riehen 3,5:4,5“]
[Site „?“]
[Date „2012.12.15“]
[Round „3.5“]
[White „Studer, Noel“]
[Black „Metz, Hartmut“]
[Result „1-0“]
[ECO „B15“]
[WhiteElo „2302“]
[BlackElo „2319“]
[Annotator „Metz,H.“]
[PlyCount „131“]
[EventDate „2012.??.??“]
[SourceDate „2012.12.23“]
[WhiteTeam „Winterthur“]
[BlackTeam „Riehen“]
1. e4 c6 2. d4 d5 3. Nc3 dxe4 4. Nxe4 {durch die Angriffsmöglichkeit Da5+ übernimmt die schwarze Dame damit die indirekte Kontrolle der a-Linie und 5-ten Reihe} Nf6 5. Bd3 Nxe4 {eine Geschmacksfrage} (5… Bf5 $5 {nutzt die indirekte Deckung durch Da5+}) (5… Qxd4 $5 {verlierte zwar zwei Tempi, gewinnt aber einen Zentralbauern}) 6. Bxe4 Bf5 7. Bf3 e6 8. Ne2 Nd7 9. O-O Bd6
10. Bf4 Nf6 11. Bxd6 Qxd6 12. Ng3 Bg6 13. c3 {Es ist eine in etwa ausgeglichene Mittelspielstellung entstanden, bei der Schwarz einen Flexibitätsvorsprung erreicht hat durch die möglichen Bauernvorstöße e5 und c5} O-O 14. h4 $6 {ein verpflichtender Zug, der Bauer auf h4 steht ungedeckt. Die Frage, ob er dort eine aktive Rolle spielen kann oder selbst zum Angriffsobjekt wird, muss abgeschätzt werden} h6 15. Re1 Rfd8 16. Qa4 {fesselt Bauer a7 und bindet den Ta8 an dessen Deckung} Qf4 {Angriff auf den
Schwächling h4, wichtig ist auch die Fesselung des Bauern d4 zu erkennen} 17. h5 Bh7 18. Rad1 Rd7 19. Re5 {verbessert die Figurenposition und schränkt die Df4 ein} Ng4 (19… a6 $2 20. Ne2 $1 {Anwendung der Gewinnmethode 2} Qh4 21. g3
$1 $18) 20. Re2 (20. Ne2 Qh2+ 21. Kf1 Qh1+ {Gewinnmethode 2}) 20… a6 {
befreit den Ta8 von seiner Verteidigungsaufgabe, schwächt aber die schwarzen
Felder. Es ist allerdings nicht zu sehen wie Weiß das ausnutzen könnte} (20…
Nf6 21. Re5 Ng4 $11 {wäre ein möglicher Pendel}) 21. Qb3 {drückt nun auf die
Bauernschwäche b7} Rad8 {Verdoppelung auf der d-Linie} 22. Rde1 Nf6 23. Re5 Nd5
24. Be4 Nf6 $5 {sieht das Spielgeschehen weit voraus – es muss sowohl eine
korrekte Berechnung bis zum Zuge 30 erfolgen, als auch eine richtige
Stellungsbeurteilung abgegeben werden} 25. Ne2 $6 Qh4 26. g3 {kombinierter
Angriff auf die Dame, der zu einer massiven Stellungstransformation führt} Qxe4
(26… Qg4 {bei dieser Berechnung tuen sich selbst Computer schwer..} 27. Bxh7+
Nxh7 28. Kg2 Ng5 29. Ng1 f6 30. R5e2 $14 {z.B.} Qxh5 31. f4 Nf7 32. Rxe6 Qd5+
33. Qxd5 Rxd5 $14) 27. Rxe4 Bxe4 28. Nf4 {deckt h5} c5 $1 {öffnet die d-Linie}
29. dxc5 Bf3 (29… Bc6 {erlaubt Weiß nicht a tempo c4 zu spielen}) 30. c4 Bc6
{die vorherzusehende Schlüsselstellung ist entstanden: Weiß hat D für T+L und
sogar einen Bauern mehr. Dennoch ist die Stellung alles andere als einfach zu
spielen für Weiß! Wieso das? Schwarz hat einen starken Lc6 der den weißen
König einschränkt. Er besetzt mit beiden Türmen die d-Linie. Es ist nicht zu
erkennen wie der weiße Springer auf sein Idealfeld d6 kommen soll, noch auf
das Feld e5 (mit Angriff des Lc6.) Der weiße Turm schafft es nicht auf die
d-Linie und die weiße Dame alleine kann keinen entscheidenden Angriff ausüben.
Obwohl Schachprogramme hier möglicherweise einen Vorteil für Weiß sehen,
sollte die Stellung vorteilhaft für Schwarz sein. Leichter zu spielen ist sie
ohnehin. Schwarz spielt damit schlicht mit einer Figur mehr!} (30… Rd1 {
Anwendung der Gewinnmethode 2 gegen den weißen König} 31. Qxf3 Rxe1+ 32. Kg2
$13 {nun hat Schwarz zwar zwei Türme für die weiße Dame, aber dafür an
Stellungsqualität eingebüßt}) 31. f3 {schränkt sowohl den Sf6 als auch Lc6 ein.
Schwächt aber die weiße Königsstellung} Nh7 $1 {Der Springer sucht sich eine
neue Einbruchsmöglichkeit (ein Zug wie aus einem Lehrbuch zur Schachstrategie!)
} 32. Re3 (32. Qc3 {der einzig aktive Plan für Weiß seine Bauernmasse auf dem
Damenflügel in Bewegung zu setzen, scheint nicht umsetzbar} Ng5 33. Rf1 (33. b4
$4 Nxf3+) 33… Rd2 34. a3 (34. b4 $4 Rxa2 $1) 34… R8d4 35. b4 e5 36. Nd5 Re2
$19 {bereitet die Verdoppelung der Türme auf der zweiten Reihe vor} 37. Ne7+
Kh8 38. Nxc6 bxc6 39. b5 (39. Rf2 $4 Nh3+) 39… axb5 40. cxb5 cxb5 41. c6 Rdd2
42. Rc1 Rh2 $19 {droht Sh3+, nebst Th1#}) 32… Ng5 33. Kf2 Rd2+ (33… Rd1 $2
{gibt dem Weißen die Chance des Turmtauschs (der schwache Weiße gegen einen
starken Schwarzen). Der Tausch ist Weiß mindestens einen Bauern wert.} 34. Rd3
{Doppelangriff} R8xd3 (34… R1xd3 35. Nxd3 Bxf3) 35. Nxd3 Bxf3 $13) 34. Ne2 {
zieht den Springer von seiner Kontrolle des Feldes d3 ab und in die Fesselung
des Td2} Rd1 $1 {hebt zwar die Fesselung des Se2 auf und stellt den Turm in
den Angriff der Db3, das ist aber unkritsch. Entscheidend ist die Tatsache,
dass der weiße König weiter eingeschränkt und Platz für den zweiten Turm
geschaffen wird} 35. Qc2 $2 R8d2 $1 {lockt den zweiten Turm a tempo auf sein
Idealfeld} 36. Qc3 {Greift den schwarzen Td2, weshalb der nächste logische Zug
Th1 nicht spielbar ist! Eine sogenannte „Damuwage“ (Da muss was gehen!) – kurz
„Muwa“ (Muss was) ist entstanden! Eine Muwa ist eine Position in der einfach
was gehen muss! Alle schwarzen Figuren haben ihre aktive Idealposition
eingenommen. Jetzt zahlt sich die schwarze Strategie aus eine Figur mehr auf
dem Brett zu haben! Doch was ist der MuWa-Killerzug? Gewinnmethode 2 Sh3+
reicht noch nicht aus, der weiße König das rettende Feld g2. Der Se2 ist
entwertet, da gefesselt – dies lässt sich jedoch nicht ausnutzen. Und
Gewinnmethode 1? D+K stehen in gefährlicher Springerkonstellation zu einander!
Aha – das ist der springende, wunde Punkt!!} Rd7 $2 {Wollen wir Zeitnot gelten
lassen? Nein!} (36… Bxf3 $1 $19 {sollten sie den finalen Schlag nicht
gesehen haben oder nur durch herausprobieren gefunden haben ein Tipp der für
alle alle Damuwages gilt: „Nehmen Sie gedanklich bestimmte Figuren und Bauern
vom Feld! Das hilft die enscheidenden Muster herauszuanalysieren. In diesem
Fall sind Kf2, Dc3 und Sg5 die entscheidenen Akteure!} 37. Rxf3 (37. Qe5 {
rettet Weiß auch nicht} Rh1 $1 38. Rxf3 Rh2+ 39. Ke3 Rhxe2+ 40. Kf4 Rxe5 $19)
37… Ne4+ 38. Ke3 Nxc3 39. Nxc3 Rd3+ 40. Ke2 R1d2+ 41. Ke1 Rd4 $19 {mit
Doppelangriff auf b2 und c4 (Gewinnmethode 1)}) (36… Nh3+ {selbst wenn
Schwarz Lxf3 nicht sieht, hat er diese andere Möglichkeit des aktiven Spiels
(Muwa light)} 37. Kg2 Ng1) 37. b4 {und Weiß packt die Chance beim Schopf und
spielt seinen einzig aktiven Plan aus..} Rb1 $2 {überdeckt b5 und plant mit
T7d1 ins weiße Lager einzudringen, ist aber zu lahm} 38. Nd4 {verstellt die
d-Linie und greift Lc6 an} (38. Rd3 Rxd3 39. Qxd3 Rxb4 $13) 38… Rh1 $6 {drei
planlose schwarze Züge hintereinander sind zuviel des Guten, Schwarz steht
verloren} 39. Rd3 Bxf3 40. Nxf3 Ne4+ 41. Ke3 Nxc3 42. Rxd7 $18 {bei
materiellem Gleichstand, hat Weiß die bessere Figurenposition und sollte auf
Gewinn stehen} Nxa2 (42… Nd1+ $5 {und Weiß muss noch etwas überlegen..}) 43.
Rxb7 Rc1 44. Nd2 Rc3+ 45. Ke2 Nc1+ 46. Kd1 (46. Kf1 $1 $18 {danach steht der
weiße König nicht wie bei Kd1 im doppelten Springerabstand zu Bauer c4}) 46…
Nd3 47. c6 {spielt auf Gewinnmethode 3} Nb2+ 48. Ke2 Nxc4 49. Nxc4 Rxc4 {eine
Schlüsselposition ist entstanden – bei materiellem Gleichstand hat Weiß den
Vorteil weiter mit den Bauern vorgerückt zu sein. Er muss entweder seinen
c-Bauern direkt verwandeln oder die Stellung so transformieren, dass er zwei
verbunde Freibauern (b+c) erhält. Schwarz muss dies verhindern und erst in
einem zweiten Schritt an der Verwandlung seiner Freibauern arbeiten} 50. Rb8+ (
50. Rb6 {ist vermutlich stärker}) 50… Kh7 51. Rb6 {Tc4 übt einen
Doppelangriff auf b4 und c6 aus. Weiß droht mit dem Angriff Kd3, wonach
Schwarz den Turm nicht mehr auf dem Feld c4 behaupten kann. Zieht er von der
c-Linie ab, läuft der c-Bauer. Zieht er von der vierten Reihe folgt Txh6 und
Weiß gewinnt mit den beiden gedeckten Freibauern} f5 $2 {spielt ebenfalls auf
Gewinnmethode 3. Prinzipiell gut, kommt hier aber zu langsam! Wie eben
beschrieben, muss Schwarz zunächst die weißen Pläne vereiteln} (51… Rd4 $1 {
ist der einzig logische Zug, der beide zuvor genannten Probleme löst} 52. Ke3 (
52. Rxa6 $2 Rxb4 {mit Remischancen}) (52. c7 $2 Rc4 53. Rb7 Rc6 $11 {zwar hat
Bauer c7 Fortschritte gemacht, aber nun kann Ba6 gehalten werden}) 52… e5 $13
{wiederum eine Schlüsselposition – behauptet den Turm auf d4. auf c7 folgt
wieder Tc4, Txa6 wird mit Txb4 beantwortet. Der weiße König ist im Knast
(stark eingeschränkt) und kann die Verwandlung des Freibauern nicht
unterstützen} 53. g4 $1 {wenn Weiß die Stellung verstanden hat, kann er mit g4
Schwarz vor das nächste Problem stellen..}) 52. Kd3 Rc1 53. Rxa6 e5 54. b5 Rc5
55. Rb6 (55. Ra4 $1 {nach der einfachen Regel „Türme gehören hinter den
Freibauern“}) 55… e4+ 56. Kd4 Rc1 57. Rb7 Rd1+ 58. Ke3 Rd3+ 59. Kf2 Rf3+ 60.
Kg2 Rc3 61. c7 Rc2+ 62. Kf1 f4 63. gxf4 e3 64. b6 e2+ 65. Ke1 Rb2 66. Rb8 (66.
c8=Q {ist auch spielbar. Man sollte aber erkennen, dass Schwarz bereits sehr
eingeschränkt steht und Pattideen damit im Raum schweben} Rb1+ 67. Kxe2 $18)
1-0