Norweger tanzt auf allen Hochzeiten / Knapper Sieg in London

Anand – Vachier-Lagrave: Schwarz gewinnt – mit Knalleffekt

Von Hartmut Metz
Kennt Porsche das Erfolgsgeheimnis von Magnus Carlsen? In einem Werbespot für den schwäbischen Autobauer treten Tennis-Grazie Maria Scharapowa, Box-Legende Muhammad Ali und der norwegische Schach-Weltmeister gegen sich selbst an – nur so könnten die Größten noch mehr wachsen, suggeriert Porsche und lässt in dem einminütigen Trailer zudem zwei neue 911er ein Rennen bestreiten. Carlsen sorgt für so viel Aufsehen im Westen wie nur Bobby Fischer 1972 bei seinem WM-Kampf gegen Boris Spasski. Der Amerikaner fand auch wie Garri Kasparow und Carlsen sogar Erwähnung im Krimi-Nachlass „Verschwörung“ von Stieg Larsson. An den Wänden des Schachclubs in Stockholm hingen Poster des Trios, heißt es im 15. Kapitel, in dem es um das verkrachte Schach-Wunderkind Arvid Wrange geht. Und wie zu Zeiten Fischers nimmt der Weltverband FIDE dank Carlsen sogar ausnahmsweise Geld mit den TV-Rechten ein: Die Agentur Agon verkaufte die Exklusivrechte aller Weltmeisterschaften bis 2020 in Norwegen an den Sender NRK. Dieser soll einen einstelligen Millionen-Betrag dafür auf den Tisch geblättert haben.
Auch wenn sich anscheinend auf den 64 Feldern alles nur um Carlsen zu drehen scheint – der 25-Jährige muss auch noch ab und zu ans Brett und siegen. Zweite Plätze sind bereits eine Enttäuschung für ihn. Bei den London Classic überzeugte der Weltmeister zwar nicht gerade, aber in den Stichkämpfen setzte sich der Weltranglistenerste vor Maxime Vachier-Lagrave und Anish Giri durch. Der Franzose und der junge Niederländer hatten nach den neun Runden ebenfalls 5,5 Punkte auf dem Konto. Danach schlug Vachier-Lagrave erst Giri im Schnellschach, ehe „MVL“ gegen Carlsen nach der verlorenen ersten Begegnung in der zweiten in Verluststellung ein Remis zum 0,5:1,5-Endstand geschenkt bekam .
Mit 26 Punkten gewann der Norweger auch die Gesamtwertung der „Grand Chess Tour“, die zudem die Topwettbewerbe in den USA und Norwegen umfasst. Mit Platz zwei unterstrich Giri (23 Punkte), dass er ebenso zum starken Herausforderer von Carlsen heranwächst. Dritter wurde der für Armenien spielende Berliner Lewon Aronjan (22), der in London Rang vier mit fünf Zählern belegte.
Ex-Weltmeister Viswanathan Anand spielte nach gutem Start in der Gesamtwertung wie in London schwach. Der Inder verlor die spektakulärste Partie gegen Vachier-Lagrave.

W: Anand S: Vachier-Lagrave
1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.Le2 e5 7.Sb3 Le7 8.Le3 Le6 9.Sd5 Sbd7 10.Dd3 0–0 11.c4 b5 12.Sd2 Sc5 13.Lxc5 dxc5 14.b3 Lxd5 15.cxd5 Se8
Weiß steht laut den Programmen minimal besser. Schwarz erhält jedoch ein wunderbares Springerfeld auf d6, das den Freibauern blockiert. 16.0–0 Sd6 17.a4 Lg5 18.Sf3 Lf4 19.axb5 19.g3 gewinnt zwar keinen Bauern, ist aber trotzdem am interessantesten: f5! 20.Dc3! Ein selbst für einen Ex-Weltmeister schwer zu findender Zug. Sxe4? ist dagegen schlecht. (20…b4 21.Dxc5 Tc8 22.Dxb4 fxe4 23.Sh4 Tc2 24.De1! (24.Lxa6? verliert: 24…Ld2 25.Da3 Db6 26.Ta2 (26.Lc4? Lb4 mit Damenfang.) 26…Lb4 27.Dxb4 Dxb4 28.Txc2 Dxb3) 24…Ld2 25.Db1 Dc8 26.Sg2 und Schwarz verfügt über Initiative für den Bauern) 21.Db2 Lg5 22.axb5 axb5 23.Txa8 Dxa8 24.Sxg5 Sxg5 25.Dxe5 Dc8 26.h4 Se4 27.d6± Der d-Bauer wird aktiviert und die schwarzen Bauern sind anfällig. f5 20.Sd2 Dg5? Ein erster Fehler. axb5 sollte der Nachziehende spielen. 21.Tad1? Das überraschende 21.Sc4! bringt Schwarz eher in die Bredouille: fxe4 Nur so. (Sxe4? 22.bxa6 mit weißer Gewinnstellung.) 22.Dh3! Sxb5 (Sxc4 23.bxc4 axb5 24.Txa8 Txa8 25.De6+ Kh8 26.cxb5 e3 27.fxe3 Lxe3+ 28.Kh1 Lf4 29.g3 und Schwarz erhält keinen Angriff, weshalb die weißen Freibauern entscheiden. Lxg3 30.hxg3 Dxg3 31.d6 Dh4+ 32.Kg2 Dg5+ 33.Dg4 Dd2 34.Td1 De3 35.d7 Td8 36.b6 Db3 37.Td6) 23.Sb6 Sd4 24.Lc4 Tad8 25.Sd7 Sf3+ 26.Kh1 Sxh2 27.Sxf8 Kxf8 28.g3 Sxf1 29.gxf4 exf4 30.Lxf1 Txd5 31.Txa6 Td1 32.Ta8+ Kf7 33.Kh2 Td6 34.Lc4+ Ke7 35.Ta7+ Kd8 36.Ta6 Txa6 37.Lxa6. axb5 22.exf5 Ta3 23.Se4 23.Dc2 sollte geschehen. c4! 24.Dc2? Der entscheidende Fehler. 24.Df3 hält Anand noch im Spiel. Dh6 25.g3 Txb3 26.Dg2 Lg5 (Sxe4? verliert. 27.Dxe4) 27.Sxd6 Dxd6 28.Tb1 Txb1 29.Txb1 c3 30.De4 b4 31.Ld3 Tb8 (Le7 32.f6 Dxf6 33.Dxh7+ Kf7 34.Dh5+ g6 35.Dh7+ Ke8 36.d6 Dxf2+ 37.Kh1 Df3+ – nur nicht Lxd6 38.Lb5+ Kd8 39.Dd7 matt – 38.Kg1 Df2+ mit Dauerschach. Dxf5 25.Db2 25.Lf3 Txb3 26.De2 Txf3! und Schwarz gewinnt. 27.gxf3 (27.Sxd6 – beziehungsweise 27.Dxf3 Dxe4 – Dh5 28.h3 Txh3 29.Dxh5 Lh2+ 30.Kh1 Txh5 31.Sxb5 e4 32.g4 Th4 33.Kg2 Lb8 34.d6 Txg4+) Dh3. Txb3 26.Dxb3 Weiß opfert die Dame und hofft auf Gegenspiel. cxb3 27.Sxd6 Dg6 28.Sxb5 e4 29.d6 b2 30.Sd4 Dxd6 31.Lc4+ Kh8 32.Se6 Lxh2+ 33.Kh1

Txf2! Ein spektakulärer Abschluss. Tc8 entscheidet auch sofort. 34.Txd6 Lxd6 35.La2 Tc1 36.Kg1 Lh2+ 37.Kxh2 Txf1. 34.Sg5 Lg3 0:1. Keine Fortsetzung verspricht mehr Rettung: 35.Txd6 Txf1+ 36.Lxf1 Lxd6 und der b-Bauer marschiert durch. Bei 35.Txf2 gewinnt Dxd1+ 36.Tf1 Dxf1+ 37.Lxf1 b1D und nach 35.Sf7+ entscheidet Txf7 36.Lxf7 Dh6+ 37.Lh5 Dxh5+ 38.Kg1 Dh2 matt.

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