16-jährigem Chinesen gelingt gegen Bruzon fantastische Glanzpartie

Wei- Bruzon: Der schwarze Wanderkönig streckt zurecht die Waffen

Von Hartmut Metz
Schach-Legende Garri Kasparow hat sich kurz gefasst, als er um einen Kommentar zu einer Partie von Wei Yi gebeten wurde: „Beeindruckend!“, schrieb er nur. Der 16-jährige Chinese hatte beim „6. Hainan Danzhou“- Turnier den Kubaner Lazaro Bruzon nicht nur ge- schlagen, sondern mit einer Opferkaskade dessen König über das ganze Brett gehetzt und die Glanzpartie mit einem Mattangriff beendet. Nach neun Runden landete der Wunderknabe zwar mit fünf Punkten nicht auf dem Platz an der Sonne und musste sich mit Rang vier hinter seinen National- mannschaftskollegen Wang Yue (7), Ni Hua (6) und Ding Liren (5,5) bescheiden. Aber trotzdem bewies der Youngster mit der einen Partie, die in die Schach-Geschichte eingeht, erneut sein riesiges Potenzial. Der Tischtennis-Fan hatte zuvor Ende Mai auch bei den chinesischen Landesmeisterschaften auf sich aufmerksam gemacht: Bei diesen landete Wei mit 7,5 Zählern aus elf Runden vor Ding (7), Wang Hao und Yu Yangyi (je 6,5) ganz vorne und wurde mit 15 Jahren der bisher jüngste Champion seines Landes. Nach einem Bericht in der Zeitschrift „Schach“ ist der Weltranglisten-29. offensichtlich ein Scherzbold.
Auf die Frage, was er mit seinem Preisgeld anstelle, witzelte Wei: „Natürlich gebe ich alles meiner Mutter.“ „Und bekommst du von deinen Eltern Taschengeld?“ „Nur dann, wenn ich allein zu Turnieren fahre. Das ist der Grund, warum ich gerne reise und Turniere spiele!“
Der aufgeweckte Bursche könnte dafür sorgen, dass die neue Schach-Supermacht China ihre 1991 aufgestellte „Vier-Punkte-Strategie“ bald verwirklicht: Erst sollte der WM-Einzeltitel der Damen geholt werden, was Xie Jun damals sogleich umsetzte, danach die WM mit dem Frauenteam. Mittlerweile ist auch Etappe drei abgehakt mit dem WM-Sieg der Herren-Auswahl. Fehlt nur noch Teil vier mit der Weltmeisterschaft der Männer … Gegen den Norweger Magnus Carlsen dürfte es allerdings schwer werden, den König auch so übers Brett zu hetzen wie gegen Bruzon.

W: Wei Yi S: Bruzon

1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.Sc3 a6 4.Le2 Sc6 5.d4 cxd4 6.Sxd4 Dc7 7.0–0 Sf6 8.Le3 Le7 9.f4 d6 10.Kh1 0–0 11.De1 Sxd4 12.Lxd4 b5 13.Dg3 Lb7 b4 gewinnt keinen Bauern: 14.e5! dxe5 15.Lxe5 Da5 16.Lf3 Ta7 17.Se4 Se8 und Weiß steht etwas aktiver. Die schwarze Stellung ist allerdings fest. 14.a3 Tad8 15.Tae1 Td7 16.Ld3 Dd8 17.Dh3 g6?! Te8 oder h6 favorisiert der Computer. Angesichts des Verlaufs der Partie sollten Schwarz-Spieler künftig an dieser Stelle abweichen. 18.f5! e5 Der einzige akzeptable Zug. Andere verlieren. 19.Le3 Te8 20.fxg6 hxg6 21.Sd5N Bis an diese Stelle ist alles bekannt. Wei Yi zog auch bis dahin flott, was ein eindeutiges Indiz für die gelungene Eröffnungsvorbereitung ist. Sxd5? Prompt der Fehler. Allein Lxd5 22.exd5 Dc8 23.Lg5 Sh7 24.Ld2 hält den Nachziehenden im Spiel. Weiß steht jedoch zweifellos komfortabler und besser.

22.Txf7!! Ein fantastischer Zug, der den schwarzen König mittels einer Opferkaskade an die Luft zerrt. Kxf7 23.Dh7+ Ke6 24.exd5+ Kxd5 Lxd5 rettet nicht: 25.Lxg6 Lxg2+ (Tf8 26.Dh3+ Kf6 27.Tf1+ Kxg6 28.Dh6 matt) 26.Kxg2 d5 (Tf8 27.Dh3+ Kd5 28.Lb6! Dxb6 – oder Db8 29.Le4+ Kc4 30.b3 matt – 29.Le4+ Kc5 30.Dc3 matt) 27.Lf7+ Kd6 28.Dh6+ Lf6 29.Lxe8 Tg7+ 30.Kf1 und Weiß gewinnt eine Figur. Bloß nicht 30.Kh1?? d4!! 31.Lg6 Da8+ 32.Kg1 Dg8 und Schwarz behält die Oberhand. 25.Le4+! Ansonsten flüchtet der König via c6. Kxe4 Der Rückzug Ke6 scheitert an 26.Dxg6+ Lf6 27.Df5+ Kf7 28.Dh7+ Kf8 (Ke6 29.Lf5+ Kd5 30.Lxd7) 29.Lh6+ Tg7 30.Tf1 Am stärksten. Andere Fortsetzungen wie Lxb7 oder Lxg7+ reichen allerdings ebenso. Ke7 31.Lxg7 Lxe4 32.Lxf6+ Ke6 33.Dh3+ Kd5 34.Lxd8. 26.Df7! Das Abzugsschach 26.Lb6+ erweist sich als unzureichend! Kd5 27.Df7+ Kc6 28.Lxd8 Tdxd8 und Bruzon hat mehr als ausreichende Kompensation für die Dame. 26.c4!! bevorzugt der Computer und zeigt ein forciertes Matt: Kd3 (Kf5 27.Tf1+ Ke4 28.Lg1 Kd3 – auf Tg8 geschieht 29.Dh3 Tf8 30.De3 matt – 29.Dh3+ Kxc4 30.Tc1+ Kd5 31.Db3+ Ke4 32.Df3 matt) 27.Dxg6+ Le4 28.Td1+ Kc2 29.Tc1+ Kd3 30.Tc3+ Ke2 31.Dxe4 Tf8 32.Dd3+ Ke1 33.Tc1 matt. Lf6 27.Ld2+ 27.Lb6+? verschenkt erneut den Sieg. Kf5 28.Tf1+ Kg5 mit schwarzer Gewinnstellung. Kd4 28.Le3+ Ke4 29.Db3!! Droht das Matt auf d3. Kf5 30.Tf1+ Kg4 31.Dd3 Lxg2+ Tg7 hält das Programm „Komodo“ lange für ausreichend – der König entwischt aber auch danach nur unter zu großen Opfern: 32.De2+ Kh4 33.h3! Dd7 34.Kh2! (droht 35.g3 matt) Lxg2 35.Dxg2 Df5 Allein das Damenopfer verhindert das Matt. 36.Txf5 gxf5 37.Df2+ Kh5 38.Dxf5+ Lg5 39.Lxg5 Tf8 40.Dxf8. 32.Kxg2 Da8+ 33.Kg1 Lg5 34.De2+ Kh4 35.Lf2+ Kh3 36.Le1! und Bruzon gab den aussichtslosen Kampf wegen e4 37. Dg2 matt oder Tf8 37.Txf8 Dxf8 38.Dg2 matt auf. 1:0.

Partie online:

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