US-Großmeister gewinnt traditionsreiches Turnier in Dortmund

Nisipeanu – Caruana: Die schwarze Falle schnappt – ganz langsam – zu

Von Hartmut Metz
Dank eines phänomenalen Schlussspurts hat Fabiano Caruana das traditionsreiche Schach-Turnier in Dort- mund gewonnen. Der Italiener kassierte zwar gegen den Filipino Wesley So – beide wechselten vor kurzem unter die Flagge des US-Verbandes – in der zweiten Runde eine Null, danach war der Topfavorit allerdings nicht mehr zu stoppen. Caruana feierte fünf Siege in Folge. Eine umso erstaunlichere Leistung des 22- Jährigen, reiste er doch direkt vom Turnier in Norwegen an und spielte munter weiter, als sei er nicht ausgelaugt. „Caruana ist wie eine Maschine“, hatte die deutsche Nummer eins Arkadij Naiditsch schon Be- wunderung kundgetan. Der Sandweierer in Diensten der OSG Baden-Baden konnte nicht an seine Glanz- leistungen bei Weltklasse-Turnieren anknüpfen. In seiner alten Heimatstadt Dortmund musste sich Naiditsch im Achterfeld mit dem sechsten Platz be- gnügen. Mit 3:4 Punkten vermochte er nur Ex-Welt- meisterin Hou Yifan und Nationalmannschaftskamerad Georg Meier (beide 2,5:4,5) hinter sich zu lassen. Ex-Weltmeister Wladimir Kramnik ging es kaum besser.
Der frühere Dortmund-Dauersieger landete mit einer ausgeglichenen Bilanz als Vierter im Mittelfeld vor seinem russischen Landsmann Jan Neopmniachtschi (3:4).
Liviu-Dieter Nisipeanu verlor zwar die letzte Partie gegen Caruana, durfte sich aber dennoch mit Rang drei hinter dem punktgleichen So (beide 4:3) als einer der Gewinner des Turniers fühlen. Der Baden-Badener Bundesligaspieler hätte nach famosem Start mit zwei Siegen am Schluss auch den mit 4,5 Zählern führenden Caruana abfangen können – aber der Weltranglistenfünfte spielte nicht auf das ihm ausreichende Remis. Dank einer tiefen Falle sicherte er sich seinen fünften Erfolg in Serie.

W: Nisipeanu S: Caruana
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4
Nisipeanu vermeidet mit Italienisch den Hauptzug. 3.Lb5 Die Topspieler wie Caruana ziehen danach die Spanisch-Varianten meist locker 25 und mehr Züge herunter und sind besser vorbereitet als die Großmeister aus der zweiten Reihe. Lc5 4.b4!? Das altehrwürdige Evans-Gambit! Der frühere Schifffahrtskapitän William Davies Evans wandte es erstmals 1824 in einer Partie an. Weiß erhofft sich Entwicklungsvorsprung – zumindest in der legendären „Immergrünen Partie“ verhalf sie Adolf Anderssen zu einem der schönsten Siege der Schach-Geschichte über Jean Dufresne. Lxb4 5.c3 La5 6.d4 d6 Caruana lässt sich auf nichts ein und treibt ebenso seine Entwicklung voran. Computer spielen gierig exd4 7.0–0 dxc3 8.Db3 Df6 9.e5 Dg6 10.Sxc3 Sge7 11.La3 0–0 12.Tad1 mit dynamischem Ausgleich. Schwarz kann sich nicht richtig entwickeln, hat aber zwei Bauern mehr. 7.Db3 Dd7! Aber auch im Evans-Gambit ist Caruana gewappnet. Diesen seltsam anmutenden Zug, der die Dame in der d-Linie belässt und den Läufer auf c8 verstellt, wählt das Programm „Komodo“ ebenso nach längerer Rechenzeit. Zuvor hielt es De7 für stärker. 8.dxe5 Lb6 9.a4 9.Sbd2 ändert nicht viel. dxe5 (Sa5 führt ebenfalls zum Ausgleich: 10.Dc2 Sxc4 11.Sxc4 d5 12.exd5 Dxd5 13.Sxb6 axb6 14.0–0) 10.a4 Sa5 11.Da2 Sxc4 12.Dxc4 c6 13.0–0 mit Ausgleich. Sa5 10.Da2 Sxc4 11.Dxc4 Se7 12.La3?! 12.exd6 cxd6 13.a5 Lc5 14.Sbd2 0–0 15.0–0 Dc7 16.Sd4 Sg6 17.La3 Se5 18.Dd5 ergibt eine unklare Stellung. 0–0 13.0–0 Te8 14.exd6 cxd6 15.Td1 Dc6 16.Sbd2 16.Dxc6 Sxc6 17.Lxd6 f6 18.h3 Le6 muss Schwarz auch nicht fürchten. Das Läuferpaar verspricht ihm Kompensation für den Bauern, zumal die weißen Bauern versprengt sind. Le6 17.Dxc6 Sxc6 18.Lxd6 Tad8 19.Lb4 Td3 Schwarz steht etwas harmonischer aufgebaut. 20.a5 Lc7 21.Sf1 21.a6 kommt in Betracht: bxa6 22.Txa6 Lb6 23.Tb1 Tc8 24.Sf1. Txd1 22.Txd1 Sxa5 23.Sd4 Sc4 24.Sxe6 Txe6 25.Td7 Tc6!? Hofft vermutlich schon an dieser Stelle auf die tiefe Falle, in die Nisipeanu fällt. Objektiv stärker scheint Lb6 26.Txb7 h5. Das verschafft dem König ein Luftloch und vertreibt den Springer gleich wieder mit h4, sollte sich dieser nach g3 vergaloppieren. 27.Tb8+ Kh7 28.Tc8 Txe4 29.g3 Se5 mit klar besserer Stellung für Caruana. 26.Sg3 g6 27.Se2 a5!! 28.Sd4

Für ein paar Sekunden wähnen Elektronenhirne Weiß erst einmal in leichtem Vorteil – bevor die fiese Taktik erkannt wird, die Caruana im Visier hatte. 28.Le7 muss geschehen: a4 29.Sd4 Sb6 30.Sxc6 Sxd7 31.Sd4 Lb6 32.Kf1 Lc5 33.Lxc5 Sxc5 34.f3 a3 35.Sc2 a2 36.Sa1 Kg7 37.Ke2 Kf6 38.Ke3 g5 39.Kd4 Se6+ 40.Kc4 Sf4 41.g3 Sg2 42.Kd3 h5 43.Ke2 h4 44.Kf2 h3 führt in ein hoffnungsloses Endspiel. Weiß kann nur zuschauen, wie der schwarze Monarch einmarschiert. Oder bewegt sich der weiße König in Richtung b-Bauer, bricht am Königsflügel alles zusammen. Ein Beispiel: 45.Ke2 Ke5 46.Kd3 g4 47.fxg4 (47.f4+ Sxf4+ 48.gxf4+ Kxf4 49.Sc2 g3 50.hxg3+ Kxg3) f6 48.g5 fxg5 49.Sc2 Se1+ 50.Sxe1 a1D. axb4! 29.Sxc6 b3! 30.Txc7

Sd6!! Der weiße Turm kommt nun nicht schnell genug zurück, um den zur Dame marschierenden b3-Bauern aufzuhalten – und der Springer steht auch zu ungelenk. 31.Se7+ Kg7 32.Tc5 b2. Der mächtige Springer auf d6 kontrolliert alle wichtigen Felder, die der Turm gerne einnehmen würde. Weil die Umwandlung in eine Dame nicht mehr zu verhindern ist, gab Nisipeanu auf. 0:1.

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