Kreativer Ansatz hievt US-Programm an die Computer-Spitze

Giri – Schirow: Weiß entpackt den „Ausbeiner“

Von Hartmut Metz
„,Komodo‘ bringt Kreativität zurück ins Schach“, behaupten die Werbestrategen der Hamburger Software-Schmiede Chessbase. Das mag für das menschliche Schach nicht gelten, denn die Eröff- nungsvorbereitung verlangt im Spitzensport immer mehr Heimanalyse mit den Rechnern. Doch bei den Schach-Programmen hat sich „Komodo 8“ mit einem kreativeren Ansatz vor die bisherigen Top-Engines „Houdini“ und „Rybka“ geschoben. Der Amerikaner Mark Lefler, der „Komodo“ von dem 2013 an Leukämie verstorbenen Don Dailey übernahm, vertraut bei seinem Programm auch auf menschliche Stellungsbe- wertungen. Mit Larry Kaufman hat er einen Groß- meister und Computer-Experten zur Hand, der auto- matisierte Bewertungen der Rechner verringert und subtilere Einschätzungen von Materialverteilungen vornimmt. Vor allem Damen werden überschätzt, glaubt Kaufman dabei an besondere „Fehlurteile“. Zudem stimmte der US-Großmeister die gängige Eröffnungs- theorie mit den humanoiden Partien ab – wobei sich die Frage stellt, ob überhaupt noch menschliche Eröffnungszüge im Spitzenschach gemacht werden angesichts der weit größeren Spielstärke der Engines (siehe Partie).
Die unter Großmeistern kursierende Mär, die Engines hätten im letzten Jahrzehnt nur noch wegen der besseren Hardware zugelegt, zerpflückte Albert Silver mit einem interessanten Test: Der Brasilianer ließ „Komodo 8“ auf einem simplen Smartphone gegen ein Topprogramm von 2006, „Deep Shredder 10“, antreten. Obwohl dieses auf einem 50 Mal schnelleren Spitzenrechner lief, unterlag „Deep Shredder“ haushoch mit 1:5! Ein eindrucksvoller Beleg der Fortschritte bei der Programmierung, findet Silver im Bericht auf www.chessbase.de.
In der nachstehenden Partie dürfte Anish Giri bis zum 28. Zug alles am Rechner vorbereitet haben – der minimal schlechter präparierte Alexej Schirow stolperte in der komplizierten Position. Der „Hexer von Riga“ verlor den Zweikampf gegen den niederländischen Jungstar Giri in Hoogeveen mit 1,5:4,5.

W: Giri S: Schirow
1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 6.Sdb5 d6 7.Lg5 a6 8.Sa3 b5 9.Sd5 Le7 10.Lxf6 Lxf6 11.c3 Lg5 12.Sc2 0–0 13.a4 bxa4 14.Txa4 a5 15.Lc4 Tb8 16.b3 Kh8 17.Sce3 g6 18.h4 Lxh4 19.g3 Lg5 20.f4 exf4 21.gxf4 Lh4+ 22.Kf1 Einen Tick mehr bevorzugen Programme die bisherige Hauptfortsetzung 22.Kd2, wonach Se7 23.Dg1 Sxd5 24.Sxd5 Le6 25.Dh2 g5 26.fxg5 Lxg5+ 27.Kc2 h6 28.Taa1 Tg8 29.Tag1 Tg6 30.Sf4 Lxf4 31.Dxf4 Df6 32.Txg6 Dxf4 33.Thxh6+ Dxh6 34.Txh6+ Kg7= schon vor fünf Jahren in einem Remis versandete in der Partie Karjakin gegen Iwantschuk (Nalschik 2009). f5 23.Ta2 23.exf5 Lxf5 24.Sxf5 Txf5 25.Dg4 Lg5 26.Kg2?? (26.Ld3! geht noch: Txd5 27.Lxg6 Tb7 28.Le4 Tc5 29.fxg5 Txg5 30.Dh3 Tf7+ 31.Ke1 mit Ausgleich) Lxf4! 27.Sxf4 Tg5 28.Sxg6+ Kg7 0:1 in Deltschew – Kotanjian (Kusadasi 2006). fxe4 24.Tah2 g5 25.Dh5 Tb7 „Houdini“ hält die Stellung zunächst für etwas besser für Weiß. „Stockfish“ bevorzugt rund eine Minute lang 25…Se5 und wähnt Schwarz auf der Siegerstraße, bevor das Programm die Fortsetzung als schwach verwirft. 26.Ke2 Sxc4 27.fxg5! Txb3 28.Txh4 Tb2+ 29.Ke1 Tb1+ 30.Sd1! Lf5 31.g6 Tb7 32.Tf4±. Die Stellung wirkt für beide Seiten brandgefährlich – furchtlose Programme scheren sich jedoch weniger um die weiße Königssicherheit und befinden, Schwarz stecke in der Bredouille. 26.Ke2 Le6 27.Dh6 Lg8 28.Tg2

„Ich vermute, dass beide Seiten die Variante zu Hause analysierten, aber Giri viel tiefer ging in der Vorbereitung“, äußert der irische Großmeister Alexander Baburin in der täglichen Online-Zeitschrift „Chess Today“. Tbf7?? Der sofortige Verlustzug. Se5 29.fxe5 dxe5 und laut den Rechnern steht Weiß mit einem Plus von knapp einer Bauerneinheit noch nicht auf Gewinn – ungeachtet der Mehrfigur. 30.Dc6±

29.Txh4! Der Ausbeiner, der Schirow wohl entgangen sein dürfte. gxh4 30.Sf5! Am stärksten. 30.f5! nebst f6 und der Drohung Dg7+ und fxg7 matt ist auch nicht ausreichend zu parieren. Se5 31.f6 Dd7 32.Se7+– Sxc4 (Txe7 33.Dxf8 Te8 34.Txg8 matt) 33.Dg7+ Txg7 34.fxg7 matt. h3 31.Sh4 31.Tg3 reicht auch: h2 32.Sh4 Se5 33.fxe5 Tf2+ 34.Ke3 T8f3+ 35.Sxf3 Txf3+ 36.Txf3 exf3 37.Dxh2. Dxh4 Noch am besten. 32.Txg8+ Txg8 33.Dxh4 Tg2+ 34.Kf1 Th2 35.Se3+– Tg7 36.Df6 Th1+ 37.Kf2 Th2+ 38.Ke1 Th1+ 39.Kd2 Th2+ 40.Kc1 Se7 41.Sf5 Thg2 Sxf5 42.Df8+ Tg8 43.Dxg8 matt. 42.Sxg7 Txg7 43.Df8+ Sg8 44.Lxg8 Txg8 45.Df6+ Tg7 46.Dh4 1:0.

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