Alexej Schirow holt mit OSG Baden-Baden zehnten Titel in Folge

Schirow – Szelag: Weiß spielt mit dem Feuer – und gewinnt rasch

Von Hartmut Metz
Der „Hexer von Riga“ ist „froh, dass ich seit zehn Jahren hier spielen darf“, betont Alexej Schirow. Wolfgang Grenke, Sponsor der OSG Baden-Baden erweist sich als Schach-Gourmet und ist ebenso „froh, dass wir einen Spieler wie Schirow haben, der immer aufregende Partien spielt“. Während der Lette offensichtlich ein starkes Herz fern der Infarkte zu haben scheint und ungerührt am Brett sitzt, genießen die Fans die Thriller mit für sie ungewissem Ausgang. Schirow bot solch ein Schauspiel erst wieder am Sonntag in Baden-Baden gegen Marcin Szelag. Der für Rostock spielende Pole wusste nicht, wie ihm geschah, und genoss später gebannt wie entspannt die Analyse seiner Niederlage mit dem Vizeweltmeister von 2000. Schirow ist aber nicht nur zusammen mit Wassili Iwantschuk der unberechenbarste Weltklasse-Großmeister. Der in Anlehnung an seinen großen Landsmann und Weltmeister Michael Tal ebenfalls „Hexer von Riga“ getaufte 42-Jährige dürfte vermutlich auch der erfolgreichste Vereinsspieler der Welt sein.
In Russland, Tschechien, Ungarn und Finnland tragen seine Klubs den nationalen Titel – und Baden-Baden komplettiert sein Quintett! Seit zwölf Jahren spielt er für die Kurstädter. Zu den zehn Meisterschaften in der Bundesliga in Folge trug Schirow 57:21 Punkte bei. Trotz seines riskanten Herzinfarkt-Schachs verlor der Weltranglisten-53. nur fünf seiner 78 Partien in Diensten der OSG!
„Diese Saison hatte ich aber Glück“, gesteht Schirow und verweist auf seine mögliche Niederlage gegen Li Chao. „Da hing alles von meiner Partie ab“, glaubt er, dass der Tabellenvierte SK Schwäbisch Hall im Falle eines 4,5:3,5-Siegs statt der knappen Niederlage das Bundesliga-Ausnahmeteam die Saison über eher gefährdet hätte.
Den Titel beansprucht Schirow aber trotzdem nicht allein für sich und verweist auf den „guten Teamgeist, für den Kapitän Sven Noppes sorgt“. Ein Beleg dafür dürfte es sein, dass inklusive Schirow neun Großmeister bereits 2006 beim ersten Meisterschaftsgewinn der Baden-Badener an Bord waren. Apropos „Bord“: Beim Titel seiner Autobiografie spielt der lettische Brandmeister mit der englischen Doppeldeutigkeit von „Fire on board“. Schirows Brett stand auch am Sonntag in der nachstehenden Partie wieder in Flammen.

W: Schirow S: Szelag
1.e4 e6 2.d4 d5 3.e5 c5 4.c3 Db6 5.Sf3 Sc6 6.a3 Sh6 7.b4 cxd4 8.Lxh6 gxh6 9.cxd4 Ld7 10.Ta2 Tg8 11.g3 Tg4 12.Td2 a5 13.b5 Te4+ 14.Le2 Dxb5 15.0–0
15.Sc3 Db6 16.Sxe4 dxe4 17.Sh4 Lxa3 18.0–0 ist für Schwarz nicht schlechter, ja eher besser. Für die geopferte Qualität erhält der Nachziehende genügend Kompensation. Vor allem der Freibauer auf der a-Linie kann unangenehm werden. Db6 16.Ld3 Tg4 Txd4 17.Sxd4 Sxd4 18.Lxh7 Sb3 19.Td3= ist eine Alternative. 17.Lxh7 a4 18.Lc2 Da5 19.Se1 19.Sh4 Die Springerüberführung via h4 missfiel Schirow in der Analyse, weil der Gegner zum einen h5 hat, aber auch Txh4 20.gxh4 b5 für Gegenchancen sorgt. Tg7?! Tg8 spart im Vergleich zur Partie ein Tempo. 20.Sg2! Der Springer setzt seinen langen Marsch über f4 und h5 fort. „Ich spiele die Variante gerne, weil sie beiden Seiten Chancen bietet und Remisabwicklungen ausschließt“, erklärte Schirow seinem Kontrahenten und fügte an, „ich muss die Variante aber genauer prüfen, weil sie die Gegner dauernd vorbereiten und sich besser auskennen als ich!“ b5 21.Sf4 b4 22.Sh5 bxa3?! Schwarz gibt die Qualität und vertraut auf die Kraft der a-Bauern. Tg5! 23.Sf6+ Kd8 halten Programme für überzeugender.

23.Sxa3! Beseitigt den ersten a-Bauern, der bereits nach a2 vorzumarschieren drohte. Lxa3?! Tg5 24.Sf6+ Kd8 25.h4 Tg7 26.Td3 Sb4 27.Tf3 Sxc2 28.Dxc2 Tc8 29.Db2± bietet Weiß auch die besseren Aussichten. Schwarz kann aber noch gut kämpfen. 24.Sxg7+ Kd8 25.Td3 Lf8 Lb2!? stellt den Gegner vor größere Probleme. 26.Df3 Sxd4 27.Dxf7 Ta6 28.Tb1 Db4! ist am besten. (a3? verliert: 29.Txd4! a2 30.Txb2 a1D+ 31.Tb1 und Dxd4 verbietet sich wegen 32.Df8+ Le8 – beziehungsweise Kc7 33.Db8+ Kc6 34.Dd6 matt – 33.Dxe8+ Kc7 34.Db8+ Kd7 35.Tb7+ Kc6 36.Dc8+ Dc7 37.Dxc7 matt) 29.Lxa4! Txa4 (Dxa4? scheitert, weil Weiß nicht den Läufer auf b2 nimmt, der wegen Da1+ indirekt gedeckt ist. 30.Df8+ Kc7 31.Tc3+!! Tc6 – Lxc3 32.Db8+ Kc6 33.Dd6 matt – 32.Dd6+ Kc8 33.Txc6+ Dxc6 34.Dxc6+ Lxc6 35.Txb2 Sf3+ 36.Kf1 Kd7 37.Ke2 Sxe5 38.f4 Sg4 39.h3 Sf6 40.g4 und das weiße Mehrmaterial setzt sich durch) 30.Txd4 Dxd4 31.Df8+ Kc7 32.Dd6+ Kc8 (Kd8 33.Sxe6+ Kc8 34.Dc7 matt) 33.Sxe6 Lxe6 34.Dxe6+ Kb8 35.De8+ Ka7 36.Dd7+ Ka6 37.Dc6+ Ka7 38.e6 De4 39.Tf1 (39.Txb2?? Ta1+) Tb4 40.Dc7+ Ka6 41.e7 De6 42.Dd8 Te4 43.Da8+ Kb6 44.Db8+ Kc5 45.Dxb2 Wegen des offenen Königs kann Schwarz die Stellung nicht überleben. 26.Tf3! Lxg7 27.Txf7 Lh8 Die Engines plädieren für Lxe5, doch 28.dxe5 Sxe5 29.Tf4 a3 30.Dh5 Sc4 31.Lb3 a2 32.Tf8+ Kc7 33.Txa8 Dxa8 34.Ta1 machte Schirow in der Analyse zurecht keine Sorgen. 28.Dg4 Gleich 28.Th7 überzeugt genauso. a3 29.Th7 a2 30.Dg8+? 30.Txh8+ agiert vorsichtiger und gewinnt überzeugend: Kc7 31.Txa8 Dxa8 32.Ta1 Da3 33.Dd1 Db2 34.Lb3 Sxd4 35.Txa2! Dxb3 (Dc3 36.Ta7+ Kd8 37.La4) 36.Ta7+ Kb8 37.Dxd4 mit Gewinnstellung. Kc7 31.Dxe6 Td8? Der natürliche Deckungszug verliert. a1D?? scheitert ebenso. 32.Dxd7+ Kb6 33.Db7 matt. Aber Kb6!! wehrt sich länger: 32.Dxd7 Ta7! 33.Dc8 Txh7 34.Lxh7 a1D 35.Txa1 Dxa1+ 36.Kg2 Dxd4 37.Dxh8 Dxe5 38.Dxe5 Sxe5. Szelag hat das Endspiel erreicht – das sollte jedoch eine klare Sache für Weiß werden mit den verbundenen Freibauern. 32.Ta1 Sxd4 33.Dd6+ Kc8

34.Ld3 34.Lf5! geht auch: Sxf5 35.Tc1+ Kb7 36.Txd7+ Txd7 37.Dxd7+ Ka6 38.Dc8+ Kb5 39.Db7+ Ka4 40.Db2 Se7 41.Dxa2+ Kb5 42.Tb1+ Ka6 43.De2+ Ka7 44.Db2 mit folgendem Matt. Sb5 Sc6 35.Txd7 Txd7 36.Dxc6+ Tc7 37.Lf5+ Kb8 38.De8+ Kb7 39.Dxh8. 35.Tc1+ Sc7 36.Txd7 Der agile Turm krönt seine lange Route. 36.La6+ Kb8 37.Txd7 ergibt Zugumstellung. Txd7 37.La6+ Kb8 Kd8 38.Df8+ Se8 39.Tc8 matt. 38.Dxd7 Dxa6 39.Dxc7+ Ka8 40.Dd8+ 1:0. Nach Ka7 führt 41.Tc7+ Kb6 42.Dd6+ Kb5 43.Dxd5+ Kb4 44.Dd2+ Kb5 45.Db2+ Ka5 46.Da3+ Kb5 47.Db3+ Ka5 48.Tc5+ Db5 49.Dxb5 zum Matt.

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