Bulgare „Unstopalov“ triumphiert dank eines grandiosen Starts

Carlsen – Topalow: Weiß am Zug verliert – in Gewinnstellung – auf Zeit

Von Hartmut Metz
Jede Serie reißt einmal. Kaum hatte das deutsche Fachblatt „Schach“ die Konstanz des Weltmeisters ge- würdigt, der in den vergangenen sieben, acht Jahren bei jedem Turnier im Vorderfeld landete und stets mit einem positiven Score abschloss – schon patzte Magnus Carlsen. Ausgerechnet beim Heimspiel, dem 3. Norway-Chess-Turnier, landete der 24-Jährige abge- schlagen auf dem achten von zehn Plätzen. Selbst sein Landsmann Jon Ludvig Hammer bezwang ihn in der letzten Runde. Das Schlusslicht hätte Carlsen damit fast überflügelt. Auch wenn der Weltrang- listenerste mit 3,5 Zählern den Absturz auf den letzten Platz vermied, sind vier Niederlagen und nur zwei Siege alles andere als befriedigend für den norwegischen Nationalhelden. In der Juli-Weltrangliste rückten so Wesselin Topalow und Viswanathan Anand fast wieder auf Schlagweite heran.
Der Inder, der die letzten WM-Kämpfe gegen Carlsen klar verloren hatte, überzeugte als Zweiter vor dem Amerikaner Hikaru Nakamura (beide 6). Die aufsteigende Formkurve des Baden-Badener Spitzenspielers deutet darauf hin, dass Anand selbst mit 45 Jahren ein weiteres Mal Herausforderer des bisher dominierenden Carlsen werden könnte. Noch grandioser spielte jedoch Topalow. Der 40-jährige Bulgare begann seinen Siegeslauf gegen Carlsen, remisierte mit Nakamura und wurde nach vier weiteren Erfolgen schon auf der englischsprachigen Turnier-Webseite als „Unstopalov“ gefeiert. Am Schluss brach der Ex-Weltmeister etwas ein, rettete jedoch mit 6,5 Zählern die 75 000 Dollar Siegprämie. „Norway Chess“ wäre jedoch ganz anders verlaufen, hätte Carlsen bereits zum Auftakt das Reglement gekannt! Gegen Topalow stand der Weltmeister auf Gewinn. Mehr als ein Remis konnte Schwarz wirklich nicht erhoffen – bis Carlsen im 61. Zug die Zeit überschritt, weil er glaubte, eine weitere 15-minütige Bedenkzeitgutschrift zu erhalten …
Fluch der bösen Tat! Zum einen hatte der 24-Jährige seinen Vertrag nicht gelesen, die die neue Bedenkzeit erwähnte – und zum anderen kam der norwegische Superstar in Stavanger zu spät zum ersten Zug, ansonsten hätten ihn die Ausführungen von Hauptschiedsrichterin Sava Stoisavljevic davor bewahrt, von ihr im 61. Zug im Denkprozess über die Gewinnvariante unterbrochen zu werden … Entgeistert blickte Carlsen erst Stoisavljevic an und startete danach mit 0,5:3,5 Punkten. Beflügelt agierte derweil Topalow nach dem glücklichen ersten Punkt in dem folgenden Auftakt-Duell. Der Bulgare räumte später außerdem ein, nicht sonderlich gut gespielt zu haben bei „Norway Chess“ und gelegentlich mit Fortuna im Bunde gewesen zu sein.

W: Carlsen S: Topalow
1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6 5.Lg5 h6 6.Lxf6 Dxf6 7.e3 Sd7 8.Tc1 g6 9.Le2 Lg7 10.cxd5 exd5 11.b4 a6 12.a4 0–0 13.b5 axb5 14.axb5 Dd6 15.0–0 Sb6 16.Db3 Tb8 17.Sd1 Lf5 18.Sb2 Tfc8 19.Sd3 Lxd3 20.Dxd3 c5 21.dxc5 Txc5 22.h4 Sa4 23.h5 Tbc8 24.Txc5 Sxc5 25.Dc2 gxh5 26.Sd4 Dg6 27.Sf5 Lf8 28.Td1 De6 29.Tc1 Sb3 30.Dxc8 Sxc1 31.Dxc1 Dxf5 32.Dc7 Db1+ 33.Lf1 d4 34.exd4 Dd1 35.De5 Der schwarze König steht offener, seine Bauern sind alle vereinzelt und vor allem könnte der d-Bauer durchmarschieren. Aber wegen der ungleichfarbigen Läufer besitzt Topalow durchaus Remischancen. Lg7 36.De8+ Lf8 37.Dd8 Kg7?! Dg4 ist stärker. 38.Dd5 b6 39.De5+ Kg8 40.Df6 Lg7?! Lb4 41.Dxb6 Kg7 42.Dd8 Lc5! 43.g3 Dxd4 44.Dxd4+ Lxd4 reicht zum Ausgleich. 41.Dxb6 Lxd4 42.Dxh6 Dg4 43.Dd6 Dd1 44.Dd8+ Kh7?! Erstmals wähnen die Rechner Weiß auf der Siegerstraße. Nach Kg7 steht Weiß besser, aber nicht auf Gewinn. 45.Dc7 Kg7 46.b6 Dg4 47.b7 Dh4 48.g3 Df6 49.Dc2 De5 50.Dd3 La7 51.Df3 Df6 52.De2 Dc3 53.Kh2 Dd4 54.Df3 Lb8 55.Kh3 Lc7 56.Le2 Lb8 57.Ld1 f5 58.Le2 f4 Dg4+ 59.Dxg4+ hxg4+ 60.Lxg4! fxg4+ 61.Kxg4 verliert. Der b-Bauer bindet den schwarzen Läufer, wonach f- und g-Bauer die Entscheidung bringen. 59.Dxh5 Dxf2? fxg3 60.fxg3 Dd6 61.Dg5+ ist ebenfalls sehr gut für Weiß, aber Schwarz kämpft noch. 60.Dg5+ Kf7

Weiß überschritt an dieser Stelle die Zeit, weil er auf 15 zusätzliche Minuten Bedenkzeit vertraute. Dabei hätte 61.Lc4+ Ke8 62.Lb5+ Kf7 63.Df5+ Ke7 64.Dd7+ Kf6 65.Dd8+ Kg7 66.De7+ Kh6 67.Df6+ Kh7 68.Ld3+ Kg8 69.Lc4+ Kh7 70.Df7+ Kh6 71.Df8+ Kg5 72.Dg7+ Kf5 73.g4+ Ke4 74.Dg6+ Ke5 (Kf3 75.Dc6+ Ke3 76.Dc5+ Ke4 77.Dd5+ Ke3 78.Dd3 matt) 75.De6+ Kd4 76.Db6+ Ke4 77.Dxf2 gewonnen. Carlsen hätte diese Abfolge von Schachs sicher gefunden, weil andere Wege nicht gereicht hätten. 0:1.

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