Freundlicher Armenier Aronjan triumphiert in St. Louis

So – Aronian: Weiß zieht – und verliert umgehend

Von Hartmut Metz
„Aronjan ist zu freundlich! Er müsste mehr ein Killer sein“, sieht das „Ungeheuer von Baku“ noch Entwicklungspotenzial bei dem Armenier. So aggressiv wie die Legende Garri Kasparow, die schnaubend am Schachbrett saß und durch bloße Präsenz manchen Gegner auf den 64 Feldern einschüchterte, ist Aronjan bei weitem nicht. Der ehemalige Weltranglistenzweite ist ein Mann der leisen Töne – am ehesten fällt der 32-Jährige durch sein Faible für farbenfrohe Hemden auf. Zuletzt hatte Aronjan mehrere jüngere Konkurrenten an sich vorbeiziehen lassen müssen. Der armenische Nationalheld fiel gar erstmals seit sechs Jahren aus den Top Ten. Trotzdem betonte er im Interview mit dem „Schach-Magazin 64“ selbstbewusst: „Wenn ich nicht mehr daran glaube, Weltmeister Magnus Carlsen schlagen zu können, höre ich auf.“ Beim Sinquefield-Cup im amerikanischen St. Louis bewies der vieljährige Berliner, dass noch lange nicht Zeit für einen Rücktritt ist!
Ungeachtet der kleinen Kritik Kasparows, der an einem Tag auf der Webseite des Turniers die Partien mitkommentierte, triumphierte Aronjan. Nach neun Runden wies er mit sechs Punkten einen vollen Zähler Vorsprung auf.
Der ungewohnt schwache Norweger Carlsen führte das Quartett mit fünf Punkten an. Lokalmatador Hikaru Nakamura, der Franzose Maxime Vachier-Lagrave und der junge Holländer Anish Giri, der als zweiter Spieler neben Aronjan ungeschlagen blieb, kletterten in der Weltrangliste. In dieser könnte der stets couragierte US-Vorkämpfer Nakamura demnächst sogar Zweiter sein, weil der anfangs führende Bulgare Wesselin Topalow (4,5), Fabiano Caruana (USA) und der Inder Viswanathan Anand (beide 3,5) schlecht abschnitten. Topalow holte wie der Russe Alexander Grischuk 4,5 Punkte. Letzter wurde Wesley So (3). Den jetzt auch für die USA spielenden Filipino zerpflückte Aronjan in nur 28 Zügen.

W: So S: Aronjan
1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.f3 c5 d5 wird noch häufiger gezogen. Aber viele Top-Ten-Asse nutzen beide Zugfolgen. 5.d5 0–0 6.e4 d6 7.Sge2 a6!? Meist geschieht sofort b5, um den Bauern auf d5 zu unterminieren. 8.a4 Der natürlich wirkende Zug, der den Bauernvorstoß nach b5 erschwert, missfällt dem Rechner bereits. 8.Le3 und 8.Sg3 exd5 9.cxd5 Sbd7 sind auch in Ordnung. La5!? Eine interessante Idee! Schwarz zieht den Läufer ein zweites Mal im frühen Eröffnungsstadium, um b5 doch zu ermöglichen. Gleich wäre der Vorstoß gescheitert, weil Aronjan nach 9.axb5 wegen des hängenden Turms auf a8 nicht zurücknehmen darf mit dem a-Bauern. 9.Ld2 exd5 10.cxd5 Sh5 Nachdem sich der Läufer nach d2 und nicht nach e3 entwickeln musste, nutzt der Nachziehende die Gelegenheit, dass 11.g4 mit Dh4+ gekontert würde. 11.g3 Sd7 12.Lg2 b5 13.g4?! 13.0–0 hinterlässt einen solideren Eindruck. b4 14.Sb1 mit Ausgleich. b4 14.Sb1 Dh4+ 15.Kf1 Se5! Aronjan hat dieses Figurenopfer sicher daheim mit dem Computer vorbereitet und weiß deshalb um die guten Chancen für sich und die Pläne. 16.Le1? Bei 16.gxh5 f5! steht der weiße König in der f-Linie in der Schusslinie. 17.Le1 (17.f4 fxe4 18.De1 Df6 19.Lxe4 Te8 20.Kg2 Sc4 21.Sg3 Dxb2 22.Dc1 Dd4 23.Te1 Lg4 24.h3 Ld7 25.Te2 Dxa1 26.Dxc4 Lxa4 27.Dc1 Lb5 28.Te1 c4 macht Weiß wenig Freude, auch wenn die Partie noch nicht entschieden ist) De7 18.f4 fxe4 19.h3 Sd3 20.Sd2 Sxb2 21.Db3 Sd3 22.Kg1 Lf5 mit beiderseitigen Chancen. Df6 17.gxh5 Sxf3 18.Lf2 18.Lxf3 Dxf3+ 19.Kg1 (19.Lf2 Dxh1+) Lh3 20.Lg3 Dg2 matt. Lg4 Dxb2 19.Lxf3 Dxa1 20.Kg2 f5 gefällt materialverliebten Programmen besser – der Mensch setzt jedoch seinen Angriff fort. 19.Dc1? 19.Sd2 hält den Laden zusammen: Se5 (Sd4 pariert Weiß taktisch, um nicht auf e2 Haus und Hof einzubüßen: 20.e5! dxe5 21.Se4 Db6 22.S4g3) 20.Db3 Lb6 21.Dg3 c4 22.h3 Lxh5 23.Sf4 Lxf2 24.Dxf2 Lg6 25.Tc1 Tfc8 26.Sxg6 Dxg6 27.De3 mit Ausgleich. Sd4! 20.Sxd4 cxd4 21.e5 Noch am besten. dxe5 Df5! erweist sich als noch überzeugender! 22.Sd2 Tac8 23.De1 b3 24.h3 Dd3+ 25.Kg1 Lxh5 26.exd6 Tce8 27.Le4 Dxd2 28.Dxd2 Lxd2 29.Ld3 Te5 30.Lxa6 Txd5 31.Kg2 d3 32.Lg3 Lb4 33.Lc4 Tg5 34.Kh2 Te8 35.Lxd3 Td5! 36.Lb5 Td2+ 37.Kg1 Lc5+ 38.Kf1 Te3 39.Lf2 Tf3 40.Th2 Tfxf2+ 41.Txf2 Txf2+ 42.Ke1 Txb2 43.d7 Le7 und Weiß kann aufgeben. 22.Sd2 Tac8 23.Db1 b3?! Lf5! 24.Se4 Dh6 25.Dd1 b3 26.Kg1 Lxe4 27.Lxe4 f5 28.Lg2 Tc2 29.d6 (29.h4? e4 30.Dxd4 Txf2! 31.Kxf2 Lb6) Dxd6 30.Df3 Txb2 (e4?? 31.Dxb3+ Kh8 32.Dxc2) 31.Dd5+ Dxd5 32.Lxd5+ Kh8 und die Bauern im Zentrum sind deutlich mehr wert als ein Läufer. 24.Sxb3 Lb6 25.a5 La7 26.Kg1 Lf5 27.Le4? Das verliert umgehend. 27.De1 e4! und Weiß kann sich kaum mehr rühren. 28.Lxe4 scheitert an Tfe8 29.Sd2 Dg5+ 30.Lg3 (30.Kf1 Lh3+ 31.Ke2 Txe4+ 32.Sxe4 d3+ 33.Kxd3 Dxd5+ 34.Ke2 Dxe4+ 35.Le3 Dxe3+ 36.Kd1 Lg4+ 37.De2 Dxe2 matt) d3+ 31.Kg2 Lxe4+ 32.Sxe4 Tc2+ 33.Kf1 (33.Kh3 Df5+ 34.Kh4 Txe4+) Df5+ 34.Lf2 Txe4.

Dg5+ d3 reicht ebenso. 28.Dxd3 Lxe4 29.Dg3 Lxf2+ 30.Dxf2 Lxd5 31.Dxf6 gxf6 32.Sd2 Lxh1. 28.Kf1 Df4! 0:1. Nach 29.Lxf5 d3 30.De1 Tc2 31.Sd2 Txd2 32.Dxd2 Dxd2 33.Lxa7 Df4+ 34.Lf2 Dxf5 steht Weiß hoffnungslos.

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