OSG Baden-Baden steht in der Bundesliga vor Jubiläums-Titel

Meinhardt – Firmian: Weiß gewinnt mit „Knalleffekt“

Von Hartmut Metz
Hat die Langeweile ein Ende? In der Schach-Bundesliga zieht die OSG Baden-Baden seit 2006 einsam ihre Kreise. Seit Sven Noppes das Amt als Kapitän und Organisator übernommen hat, eilen die Kurstädter von einem Titel zum nächsten. Die zehnte deutsche Meisterschaft in Folge wäre ein Meilenstein. Rivalen wie die SG Köln-Porz, SG Solingen oder Werder Bremen haben mittlerweile die Herausforderung um Platz eins aufgegeben. Porz zog sich gar in die Zweite Bundesliga zurück, weil Mäzen Wilfried Hilgert keinen Sinn mehr darin sah, der OSG Paroli zu bieten – Baden-Badens Sponsor Wolfgang Grenke verpflichtete doch immer die besseren Spieler bis hin zu den Weltmeistern Viswanathan Anand und Magnus Carlsen. Doch nun könnte dem Abonnementmeister ein ernsthafter Rivale erwachsen: In Schwäbisch Hall, das bisher eher durch die gleichnamige Bausparkasse bekannt ist, marschierte ein Team aus der Landesliga durch bis ins deutsche Oberhaus. Dort wird der Aufsteiger nun mit dem ehemaligen Vizeweltmeister Boris Gelfand&Co. zum ersten OSG-Jäger. „Die haben durchaus Chancen“, bestätigt Arkadij Naiditsch.

IM Maximilian Meinhardt

Der deutsche Spitzenspieler sieht seine Baden-Badener Weltauswahl aber noch immer als Topfavorit.
Der Abstiegskampf dürfte also wieder spannender in der Bundesliga werden. Dass auch an den hinteren Brettern sehenswerte Partien gelingen, bewies Maximilian Meinhardt. Der Spieler vom Absteiger SC Viernheim schlug im Match gegen Katernberg Großmeister Nazar Firman mit einem spektakulären Damenopfer. Den schönen Mattangriff kürten die Fans zur Partie der Saison 2013/14. Nachstehend das Duell mit den Kommentaren des Siegers.

W: Meinhardt S: Firman
1.e4 c5 2.Sf3
Die Viernheimer Vorbereitung auf die Wettkämpfe gegen Katernberg und Emsdetten fand in einem gemeinsamen Erklimmen des Betzenbergs am Freitagabend ihre desillusionierende Krönung. Unterkühlt, lethargisch, ideenlos verlor der 1.FCK gegen Außenseiter Paderborn 0:1. Die Stimmung war trüb, der Frust saß tief: nur aggressiv geführte Schachpartien mit der Hoffnung auf Paderborn-ähnliche Außenseitersiege konnten Linderung schaffen. Tatsächlich sollten samstags sieben Partien entschieden enden. Wir verloren nach starkem Pressing an allen Brettern allerdings trotzdem 3,5:4,5. Der schmähliche Vorabend im Stadion beeinflusste auch meine Eröffnungswahl, da ich sonst häufiger den geschlossenen Sizilianer einsetze, der zu einem ruhigeren Spielaufbau führt. e6 Die Viernheimer Vorbereitung auf die Wettkämpfe gegen Katernberg und Emsdetten fand in einem gemeinsamen Erklimmen des Betzenbergs am Freitagabend ihre desillusionierende Krönung. Unterkühlt, lethargisch, ideenlos verlor der 1.FCK gegen Außenseiter Paderborn 0:1. Die Stimmung war trüb, der Frust saß tief: nur aggressiv geführte Schachpartien mit der Hoffnung auf Paderborn-ähnliche Außenseitersiege konnten Linderung schaffen. Tatsächlich sollten samstags sieben Partien entschieden enden. Wir verloren nach starkem Pressing an allen Brettern allerdings trotzdem 3,5:4,5. Der schmähliche Vorabend im Stadion beeinflusste auch meine Eröffnungswahl, da ich sonst häufiger den geschlossenen Sizilianer einsetze, der zu einem ruhigeren Spielaufbau führt. 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sc6 5.Sc3 d6 6.g3 Mit dieser Fianchetto-Variante gegen viele Abspiele, die nach e6 entstehen, spielte ich bereits einige Partien auch gegen Großmeister mit ordentlichen Ergebnissen. a6 7.Lg2 Ld7 8.a4 Tc8 Hier und in den folgenden Zügen hätte mein Gegner mit der normalen Entwicklung seines Springers nach f6 Platz für seinen König schaffen können. Eine Beispielvariante könnte wie folgt aussehen: Sf6 9.0–0 Le7 10.Sb3 um a5 zu unterstützen und den d7–Läufer nicht so leicht nach c6 kommen zulassen Dc7 11.f4 (11.a5 0–0 12.Le3) 0–0 und hier kann Weiß mit g4–g5 und einem Schwenk auf die h-Linie einen weiteren typischen Plan mit 12.g4!? verfolgen. 9.0–0 Le7 10.Te1 Dc7 Der für seine originelle, kreative und risikobereite Spielweise bekannte Großmeister unterlässt es abermals, seine Entwicklung am Königsflügel voranzutreiben. Nach dem normalen Zug Sf6 wäre die Partie in gewöhnlichere Bahnen übergegangen. So ähnelt die Stellung nach 11.Sxc6 Lxc6 12.a5 0–0 13.Le3 der Position, die sich in der beeindruckenden Partie zwischen Peter Leko und Pavel Tregubow aus dem Jahr 2013 ergab und mit der ich mich in meiner Vorbereitung länger beschäftigt hatte. Allerdings sind hier die Züge Te1 und die schwarze Rochade eingeschaltet, was dazu führt, dass Dc7 (Sd7 mit einer ausgewogenen Stellung) 14.Lb6 Db8 mit dem starken Zug 15.Sd5! beantwortet werden könnte. 11.Sxc6 Lxc6 12.Dg4!? Versucht auf plumpe Weise den Umstand auszunutzen, dass der schwarze Königsflügel noch bewegungslos im Dezember-Frost vor sich hin (er)starrt. Als ich diesen Zug spielte, hätte ich meinen a-Bauern darauf verwettet, dass mir mein angriffslustiger Kontrahent, dessen kompromisslosen Stil ich aus eigener Erfahrung und der Beschäftigung mit seinen Partien kannte und bewunderte, hier h5 entgegenschleudern würde. Die Provokation funktioniert, nur ist h5 natürlich eine typische Riposte auf Dg4 und keineswegs schlecht. Dennoch war mir die Schwächung des Königsflügels diesen Damendoppelschritt wert. 13.De2 Nach 13.Dxg7?? Lf6–+ wäre die Partie vermutlich nicht nominiert worden. h4 Konsequent! Interessanterweise findet man zu dieser Stellung noch vier Partien in der Datenbank und einmal wurde sogar 14.Lf4!? gespielt. Dieser Zug mutet ein wenig sonderlich an. Vielleicht hegte ich unterbewusst die irre Hoffnung, meinen Gegenspieler mit diesem Zug zu g5 provozieren zu können. Man hätte auch 14.Le3 spielen können, um schnell mit a5 den schwarzen Damenflügel zu paralysieren. Dazu muss der weiße a-Turm jedoch auf seinem angestammten Platz im Eck bleiben. Mir schwebte eher ein harmonisches Spiel im Zentrum vor, um auf der halboffenen d-Linie den schwachen Bauern d6 zu beäugen. Sf6 15.a5 Sd7 16.Ted1= und der schwarze Monarch wankt gegebenenfalls über f8 aus der Schusslinie. hxg3 Während der Partie sorgte ich mich mehr darum, dass Schwarz die Spannung auf der h-Linie halten würde, um den Bauernvorstoß nach h3 weiterhin in petto zu haben. So ist Sf6 auch an dieser Stelle möglich, da 15.e5?! sowohl mit Sh5 als auch mit dxe5 erwidert werden könnte. 15.Tad1 wäre meine Wahl gewesen, wonach es vielleicht zu einer deutlich anderen Bauernkonfiguration am Königsflügel gekommen wäre: Kf8 16.g4!? h3 17.Lf3 15.hxg3 Sf6 Der Springer gelangt endlich ins Spiel, aber dem König fällt es gerade wegen der nun geöffneten h-Linie schwer, einen bequemen Rückzugsort aufzuspüren. 16.Tad1 Nun stehen alle weißen Figuren harmonisch koordiniert und sind bereit für rabiate Aktionen in der Mitte des Brettes. Db6 Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, statt des Damenmanövers doch noch zu rochieren oder Kf8 zu spielen. Aus menschlicher Sicht erscheint das in Anbetracht der letzten schwarzen Züge jedoch unlogisch. Ideen wie g4–g5, Td3–h3 lägen in der Luft. 17.b3! Das typische Opfermotiv Sd5 war auch an dieser Stelle interessant. Nach längerem Nachdenken kam ich aber zu dem Schluss, dass es besser sei zu warten und den a4–Bauern prophylaktisch zu decken, da Schwarz kaum sinnvolle Züge zur Verfügung hat. 17.Lxd6? würde schwarzes Gegenspiel bedingen: Lxd6 18.Txd6 Dxb2; 17.Sd5!? Lxd5 (Bloß nicht: a) exd5?? 18.exd5+– und die schwarze Festung zerbröckelt; b) 17…Sxd5 18.exd5 Lxa4 – oder Ld7 19.dxe6 fxe6 (Lxe6 20.Ld5+–) 20.Ld5 und die Löcher am Königsflügel gewähren Einlass) 19.dxe6 f5 auch hier steht Weiß deutlich besser, aber mit einem Bauern auf b3 müsste man derartige Verwicklungen nicht berechnen. 20.b3 Lc6±; c) 17…Dxb2 18.Sxe7 Kxe7 19.Lxd6+ Ke8 20.De3 und die weiße Dominanz auf den schwarzen Feldern entscheidet die Partie. Ein Beispiel: Dxc2 21.Dg5 Th7 22.Lb4 Dc4 23.Dd2 Th5 24.Dd6 und gegen das Matt auf e7 oder f8 ist keine gute Verteidigung mehr zu finden. 18.exd5 e5 19.Lxe5 (19.b3 Dc7! mit Deckung des Läufers auf e7 und gleichzeitigem Angriff auf den c2–Bauern. 20.Ld2 Dxc2 21.Tc1 Df5 22.Txc8+ Dxc8 und Weiß muss seine Kompensation für den Minusbauern erst einmal nachweisen.) dxe5 20.Dxe5 0–0 21.Dxe7 Tfe8 22.Da3 Txc2 Weiß muss wegen der enormen schwarzen Aktivität aufpassen, dass sich der Trend nicht komplett dreht. Dc5 Ld7 18.Td3. 18.Sd5 Nur folgerichtig. Lxd5 Bei Sxd5 19.exd5 Ld7 (Lxd5 20.Lxd5+–) 20.dxe6 fxe6 21.Dg4 droht dem Nachziehenden auf beiden Flügeln, b7 und g7 hängen, Ungemach. 19.exd5 e5 Auf Dxc2 entscheidet die Kraft des weißen Läuferpaars zügig die Partie. 20.Td2! Dxb3 21.dxe6+– fxe6 22.Lxd6 Lxd6 23.Txd6 Kf7 (Kf8 24.Txe6 endet auch nicht viel anders für Schwarz) 24.Ld5! exd5 25.De6+ Kg6 26.Dg4+ Kf7 27.Td7+! Sxd7 28.Dxd7+ Kg6 29.De6+ Kh7 30.Df5+ Kg8 31.Dxc8+ Kh7 32.Dh3+ Kg8 33.Te8+ Kf7 34.De6 matt. 20.c4 Jetzt stützen sich die weißen Bauern auf den weißen Feldern am Damenflügel gegenseitig. Allerdings heißt das auch, dass man sich besser nicht auf einen Tausch der schwarzfeldrigen Läufer einlassen sollte. Dynamisches Spiel ist gefragt! Ld8 0–0 21.Ld2 Ld8 22.Lh3 Tc7 23.a5± und Weiß kann den typischen Vormarsch der Bauern am Damenflügel langsam und ungestört vorbereiten. 21.Le3 Db4 Falls Schwarz nun zu Lb6 käme und es ihm gelänge, mit seinem Springer gegen den g2–Läufer zu verbleiben, hätte er positionell paradiesische Zustände erreicht. Weiß muss schnell handeln und konsequent die unsichere Stellung des schwarzen Königs ausbeuten! 22.c5! Der ungezogene König auf e8 erlaubt diesen starken Hebel. Dxb3?! Bei knapp werdender Zeit forciert mein Gegner die Geschehnisse und hofft auf Verwicklungen. Mit dem König auf e8 darf ein solcher Lösungsversuch aber einfach nicht erfolgreich verlaufen. dxc5? 23.Ld2 Dg4 24.Dxe5+ Kf8 25.d6+– Dd7 26.Tc1 Th5 27.De2 g6 (Dxd6 erlaubt 28.Lxb7) 28.Tcd1 b5 29.Lf3 Th7 30.g4! Tb8 (bxa4 31.g5 Sh5 32.Lg4) 31.g5 Sg8 32.axb5 axb5 33.De4 macht es Schwarz schwer, gute Züge zu finden. 22…Txc5!? wäre die zäheste Fortsetzung gewesen. Durch das Qualitätsopfer halbiert Schwarz nicht nur das weiße Läuferpaar, sondern eliminiert auch den wichtigen c5–Bauern, den es ständig nach c6 drängt. Dennoch steht Weiß nach 23.Lxc5 Dxc5 24.Tc1 Db6 25.Dc4 und der Besetzung der c-Linie deutlich besser. Die Verwertung des Vorteils wäre allerdings nicht leicht geworden. 23.Tb1 Das Eindringen auf die siebte Reihe, das mit der Vernichtung des wichtigen Bauern auf b7 einhergeht, ist hier mehr als einen Bauern wert. 23.c6!? wäre auch stark gewesen, da das natürliche bxc6 mit 24.Dxa6! nebst bxc6 beantwortet wird. Tb8 25.dxc6 mit Gewinnstellung. Dxa4 24.Txb7 dxc5? Der endgültige Verlustzug. Es ist jedoch nachvollziehbar, dass Schwarz sich nicht auf die qualvolle Verteidigung einer Stellung einlassen wollte, in der er gegen das weiße Läuferpaar, einen gedeckten Freibauern auf c6 und herrlich koordinierte Figuren ankämpfen müsste. 0–0 25.c6 e4 26.Lh3 Tc7 27.Td1 und Weiß sollte sich durchsetzen. 25.Lxc5! Sd7 Auf Txc5 gewinnt 26.Dxe5+ Kf8 27.Dd6+ Kg8 28.Dxc5 simpel die Partie.

26.Dxe5+! Ein effektvoller Abschluss, der wegen der forcierten Geradlinigkeit der Varianten aber zugegebenermaßen nicht allzu schwer zu berechnen war. Damenopfer, die funktionieren, führt man trotzdem gerne aus. Sxe5 27.Txe5+ Le7 28.Texe7+ 1:0. Hier gab mein Katernberger Kontrahent auf. Dadurch blieb leider der ästhetische Mattschluss hinter den Kulissen: 28.Texe7+ Kf8 (Auf Kd8 folgt 29.Lb6+ Tc7 30.Texc7 Dd1+ 31.Lf1 Th1+ 32.Kxh1 Dxf1+ 33.Kh2 und es ist schön zu sehen, dass der b6–Läufer auch ins eigene Lager wirkt und den Bauern auf f2 deckt) 29.Txf7+ Ke8 (Kg8 30.Txg7 matt) 30.Tbe7+ Kd8 31.Lb6+ Tc7 32.Lxc7+ Kc8 und jetzt darf auch der zweite Läufer mitmischen: 33.Lh3+! Txh3 Der Turm zieht zum ersten und letzten Mal. 34.Tf8+ Kb7 35.La5+ Dd7 36.Txd7 matt.

Nochmals vielen Dank für die phänomenale Unterstützung und die große Wahlbeteiligung. Auch wenn Viernheim diesen Kampf knapp verlor und wir als Tabellenletzter abstiegen, hat es viel Spaß gemacht und wertvolle Erfahrungen gebracht im deutschen Schach-Oberhaus als Stammspieler antreten zu können. Dass mich diese Partie und diese Ehrung stets an die Bundesligasaison 2013/14 erinnern wird, wirkt motivierend auf die beginnende Zweitligarunde. In dieser (Fußball)-Saison spielt nun Paderborn sensationell in der ersten Liga, wohingegen Kaiserslautern und Viernheim immer noch/wieder zweitklassig um Punkte kämpfen. Ich würde meinen a-Bauern darauf verwetten, dass sich an dieser Verteilung im nächsten Jahr irgendetwas ändern wird. 🙂

Partie online:

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